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Winterschuhe
von Lisbeth Willeit
In den Jahren meines Hauptschulbesuches, etwa 1952/53, kamen die ersten massengefertigten Winterschuhe auf und in Mode. Es waren dies halbhohe, schwarze Lederschuhe, ziemlich klobig, ohne jede Verzierung, vorne mit einem groben Reißverschluss zu schließen, aber vor allem – warm gefüttert.
Meine Geschwister und ich konnten natürlich nicht damit rechnen, solche Traumschuhe zu bekommen, wir besaßen nur Schuhe – sie waren meist geschenkt und absolut nicht passend –, die Sommer und Winter getragen werden mussten; unsere frostblauen Zehen und Ballen sprachen Bände.
Und nun bekamen die meisten meiner Mitschüler die begehrten neuen, „modischen“ Schuhe. Es tat weh zu wissen, dass sie für mich unerreichbar waren. In meinem Kummer und dem natürlichen, kindlichen Bestreben, auch „modern“ zu sein, kam ich auf eine Idee, die mir und meinen Eltern noch viele peinliche Stunden bereiten sollte.
Meine Banknachbarin und Freundin war ein „Annehmkind“, aber eines, dem es für damalige Begriffe äußerst gut ging. Sie hatte immer „Suppengeld“ mit, bekam öfter neue Sachen und für die Schule auch immer alles Notwendige. Für meine Begriffe war sie reich! Ich wusste, dass sie, wenn sie Schuhe brauchte, einfach zum damaligen Schuhhaus „Stanonik“ gehen, sich Schuhe aussuchen und mitnehmen durfte. Ihre Zieheltern kamen dann irgendwann später, um zu bezahlen.
Auf diesem Wissen baute mein Plan auf. Ich ging auch einfach zu Stanonik, verlangte solche Pelzschuhe, probierte und behielt sie gleich an. Als Namen nannte ich den meiner Banknachbarin. Da dies so ganz problemlos vor sich ging, „kaufte“ ich mir gleich noch ein Paar Pelzstiefel dazu, warm gefütterte, braune Lammfellstiefel. Ich nahm mit meinem kindlichen Gemüt an, dass es Leuten, die so „reich“ sind, nicht auffallen würde, wenn ein Paar Schuhe mehr zu bezahlen wäre. Für heutige Begriffe waren das alles ja ausgesprochen hässliche Schuhe, aber damals halt Traumschuhe.
Nun war die erste Hürde zu den neuen Schuhen überwunden. Aber wie sollte ich das zu Hause erklären? Bald hatte ich eine brauchbare Idee: So ungefähr einen halben Kilometer von zu Hause entfernt – wir hatten einen Schulweg von mehr als fünf Kilometern – war eine schmale Gasse mit einem großen Vogelbeerbaum, an deren Seiten sich damals die Schneewechten meterhoch auftürmten. Und so grub ich bei besagtem Baum eine Höhle in den Schnee für meine zwei Paar „gekauften“ Schuhe. Dort wechselte ich nun täglich in der Früh und beim Nachhausegehen die Schuhe. Morgens waren sie immer bocksteif gefroren, und es dauerte fast bis Saalfelden, dass sie weich wurden. Ich glaube, dabei schon einiges von meiner „Sünde“ abgebüßt zu haben.
Es dauerte einige Monate, bis alles herauskam, und neben all der Schmach und Schande, die ich über mich ergehen lassen musste, war doch auch ein bisschen was wie Bewunderung für meine Schlauheit bei meinen Mitschülern herauszuhören.
Der Schulpsychiater, zu dem ich musste – damals noch eine Sensation und Seltenheit –, meinte, nachdem ich verschiedene Tests gemacht hatte, ich sei in der Schule unterfordert und leite meine Intelligenz leider in die falsche Richtung!
Winterschuhe
Verfasst von Lisbeth Willeit
Auf MSG publiziert im Oktober 2009
In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe
- Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
-
- Ort: Salzburg, Pinzgau, Saalfelden+Umgebung
- Zeit: 1950er Jahre
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