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"Wenn ich so ein Instrument hätte ..."

von Barbara Waß

Bis ich in die Schule kam, hatte ich eigentlich kaum Berührung mit Musik. Ich bin auf einem einsamen Bergbauernhof aufgewachsen, wo es noch keinen Strom gab, und da hatte ich keine Gelegenheit, Musik zu hören. Von den wenigen Leuten, die zu uns kamen, war auch keiner dabei, der ein Instrument gespielt oder gesungen hätte. Meine Mutter erzählte jedoch immer, daß ihr verstorbener Vater sehr gut Mundharmonika spielen konnte und oft in der Almhütte, in der ihre Mutter Sennerin war, bis zum Morgen zum Tanz aufgespielt hat. Sie ist bei ihrer Großmutter aufgewachsen, aber als Vierjährige hat sie der Vater einmal mit auf die Alm genommen und da durfte sie auf seinem Schoß liegen, bis sie eingeschlafen ist, während er gespielt hat. Das blieb ihr eine lebenslange Erinnerung, und sie hat oft davon erzählt. Ich stellte mir das immer sehr plastisch vor und wünschte mir, so was auch irgendwann zu erleben. Als ich mit dreizehn erstmals in diese Almhütte kam, versuchte ich mir vorzustellen, wie das damals wohl gewesen war.

Meine Mutter hatte wenig mit Musik zu tun, sie hat nur ganz selten gesungen, und ich erinnere mich nur an ein einziges Lied: „Es hallt und knallt im Hochgebirg“. Später, als wir schon im Tal lebten und ich selbst mit auf Unterhaltungen gehen durfte, konnte ich mich davon überzeugen, daß meine Eltern sehr gute Tänzer waren.

Meine erste Berührung mit Musik gab es in der Schule, wo wir in der Singstunde verschiedene Lieder lernten. Die Singlehrerin spielte dazu mit ihrer Gitarre. Auf dem Schulweg haben wir dann die Texte auswendig gelernt und die Lieder auch gesungen. Wir hatten zwar daheim auch ein Grammophon zum Aufziehen, wo nach jeder Platte die Nadeln ausgewechselt werden mußten, aber das wurde fast nie in Betrieb gesetzt, und ich kann mich auch an keine Platte erinnern. Sehr wohl aber an einige damals „moderne“ Platten, wie „Wo der Wildbach rauscht“ oder „Das alte Försterhaus“, die sie beim Nachbarn schon hatten. Davon haben die Kinder die Texte abgeschrieben, und wir haben sie dann ebenfalls auf dem Schulweg gelernt und gesungen. Zeit hatten wir ja genug, wir mußten eineinhalb Stunden den Berg hinaufgehen, und da konnten wir singen und schreien soviel wir wollten, denn außer uns war sowieso keiner da.

Wenn in der Schule, etwa zu Weihnachten oder zum Muttertag, kleine Theaterstücke aufgeführt wurden, um etwas Geld für den Schulausflug, die bescheidene Bücherei oder einen Ball zum Turnen hereinzubringen, dann war ich immer beim Chor, der bei solchen Gelegenheiten nie fehlen durfte. Sehr gut erinnere ich mich noch an die Proben für eine Muttertagsaufführung. Wie jedes Jahr waren wir am „Tag des Waldes“ in den Wald gegangen, um mit dem Förster und einigen Waldarbeitern der Bundesforste in einem Holzschlag junge Bäume zu setzten und etwas über den Wald zu lernen. Wir vom Chor waren allerdings nur am Anfang dabei, dann haben wir auf einem Blochhaufen sitzend die Lieder für die Aufführung eingelernt. Auf dem gut eine Stunde dauernden Fußmarsch zurück zur Schule haben wir sie dann den anderen vorgesungen, und ich hatte genügend Zeit, sie auch auf dem Heimweg noch zu singen.

Das erste Radio kam bei uns ins Haus, als ich siebeneinhalb Jahre alt war. Es war für die damalige Zeit (1951) sehr modern. Wo es keinen Strom gab, hatte man Radios mit Akkumulatoren, die regelmäßig aufgeladen werden mußten. Das war sehr schwierig, da man sie oft weit dafür tragen mußte, und dabei sehr leicht die scharfe Säure ausgeschüttet wurde, mit der sie gefüllt waren. Unser Radio wurde durch eine Batterie und ein Trockenelement betrieben. Natürlich mußte damit gespart werden, und das Radio wurden nur sehr selten aufgedreht. Mein Vater hörte manchmal einen jugoslawischen Sender, bei dem abwechselnd ein Lied und ein Instrumentalstück gespielt wurde. Er hatte in der dortigen Gefangenschaft diese Musik kennengelernt, und wenn es ihm dort auch sehr schlecht gegangen ist, so hörte er sie doch gerne.

Bei besonderen Anlässen konnte ich beim Kirchgang die Blasmusik hören. Aus der Nähe habe ich das erste Instrument allerdings erst gesehen, als ich schon etwa zwölf Jahre alt war, und wir schon im Tal lebten. An einem kalten Wintertag kam eine kleine Gruppe mit einem Ziehharmonikaspieler zu unserem Nachbarn. Der Mann war stockbetrunken, und nachdem er ein paar Stücke gespielt hatte, schupfte er seine Harmonika den verschneiten Weg hinunter. Ich dachte mir, wenn ich so ein Instrument hätte, würde ich ganz sorgsam damit umgehen, und ich freute mich sehr, als er dann doch noch einmal gespielt hat.

Früher war Musik und Unterhaltung nicht etwa auf Gasthäuser und Lokale beschränkt. Auch wir haben eben dort musiziert, wo es sich gerade ergeben hat. Zuhause, im Freien irgendwo, bei Freunden oder Bekannten, beim Wandern, in Almhütten usw. So waren wir einmal in der kleinen Außenkirche in Voglau bei der Maiandacht. Wir haben dort mit einigen anderen so eine Art Kirchenchor gebildet. Leiter war der Kooperator, der für Voglau zuständig war. In Voglau gab es immer am Sonntagabend eine Messe, und die Leute, die dort hinkamen, kannten sich alle untereinander. Nach der Maiandacht wollten wir noch nicht nach Hause gehen und so haben wir uns am Rande der Turnwiese auf einen Blochhaufen gesetzt und haben weitergesungen. Diesmal freilich keine Kirchenlieder, sondern Volkslieder und Schlager und was uns halt sonst so eingefallen ist. Die Kirchgänger, die ja fast ausschließlich zu Fuß unterwegs waren, sind stehengeblieben und haben zugehört. Schließlich hat mein Bruder auch noch seine Gitarre geholt, und erst als es dunkel war, sind wir ins Elternhaus einer Freundin gewechselt, wo es munter weiter ging. Straßenbeleuchtungen gab es damals in Voglau noch nicht.

Ein andermal haben mein Bruder und ich im Winter zusammen mit drei Freundinnen unsere ehemaligen Nachbarn besucht, die uns schon mehr­mals eingeladen hatten. Am Samstagnachmittag sind wir mit unseren Instrumenten im Rucksack zwei Stunden den Berg hinaufgegangen. Obwohl wir niemandem von unserem Vorhaben erzählt haben, damit sich nicht ungeladene Gäste einfinden, kamen spätabends doch ein paar Burschen, die uns gesehen hatten. Es wurde ein lustiger Abend, und obwohl wir uns auf dem rauhen Holzboden beim Tanzen in Strümpfen Späne eingezogen haben, hat uns das nicht davon abgehalten. Wir haben sogar den alten Bauern dazu gebracht, seine Pfeife wegzulegen, und in seiner speckigen Lederhose einen Boogie-Woogie mit uns zu tanzen. Nachdem mein Bruder schon einen Fotoapparat hatte, mußte das natürlich festgehalten werden. Um halb fünf Uhr früh haben wir uns alle auf die schmale Bank gelegt, die es rund um die Stube gab, und als es hell war, sind wir mit Schlitten wieder ins Tal gefahren.

zwei Frauen und ein Mann beim Tanz in einer Almhütte
Boogie-Woogie in der Almhütte

Lustig waren auch immer die Veranstaltungen der Naturfreunde, die mein Vater in der Zeit in Abtenau mit aufgebaut hat. Im Winter gab es da immer einen Ball, der bis in die Morgenstunden gedauert hat, und ein Eisstockschießen, bei dem natürlich auch die Frauen mitgemacht haben. Daß da nachher auch getanzt wurde, war selbstverständlich; wenn‘s sonst nichts gab, dann eben zur Musikbox. Wir Jungen haben dabei stets Mittel und Wege gefunden, etwas Farbe hineinzubringen. Die „Alten“ haben nicht schlecht gestaunt, als wir z.B. zu einer Polka plötzlich einen Madison getanzt haben. Das wurde allerdings auch ohne weiteres toleriert.

Manche Ältere hatten ja sonst nicht viel übrig für das „Moderntanzen“ und mokierten sich über das „Ghupfwera“ (Herumhüpfen). Einige Jahrzehnte früher war das freilich noch viel strenger. Alte Bäuerinnen, die 1938/39 die Landwirtschaftsschule „Winklhof“ in Oberalm bei Hallein besucht haben, erinnern sich daran. Damals gehörte dort zum Unterricht einmal in der Woche Volkstanz. Dazu kam Tobi Reiser mit seinem Sohn Tobias und einigen Musikern. Tobi Reiser war der Volksmusikant schlechthin und ist Initiator des weitum bekannten Salzburger Adventsingens, das heute sein Sohn fortführt. Damals kam grade das sogenannte „Modern­tan­zen“ auf, und die jungen Leute haben gelegentlich ein wenig davon mit reingenommen. Da hat Reiser jedesmal sofort die Musik abgebrochen und die Tänzer zurechtgewiesen. Übrigens wurde strengstens darauf geachtet, daß sich beim Tanzen alle gesittet benehmen. Die Lehrerin saß auf einem kleinen Podium und hat genau zugeschaut, und wehe, wenn ein Bursch ein Mädchen zu nahe an sich gedruckt oder ihr gar ein „Bussl“ (Kuß) gegeben hätte.

Im Sommer gab‘s bei den Naturfreunden immer einmal einen „Alm­blitz“. Dafür wurde ein guter Ziehharmonikaspieler engagiert, und es wurde getanzt bis in den Morgen. Nachher legten sich alle für ein Weilchen ins Heu, und anschließend gab‘s noch eine Wanderung zu einem kleineren Gipfel. In meiner Jugend ging die Almwirtschaft schon stark zurück, aber noch in den fünfziger Jahren gab es im Sommer fast jedes Wochenende Tanz auf den verschiedenen Almen. Das war für die Jungen Leute das Sommervergnügen, und sie nahmen dafür gerne stundenlange Wege in Kauf. In der Besatzungszeit tauchten dabei auch öfter amerikanische Soldaten auf. Sie konnten mit ihren Jeeps trotz der schlechten Wege nahe heranfahren und hatten sonst wahrscheinlich auch nicht viel Abwechslung. Sie waren dort aber nicht besonders gern gesehen, obwohl sie an die Sennerinnen Schokolade und Kaugummi und an die Burschen Zigaretten verschenkt haben. Einerseits mag Eifersucht im Spiel gewesen sein, anderseits hatten manche Burschen schlechte Erfahrungen in der amerikanischen Gefangenschaft gemacht.

Mit vierzehn, nach Beendigung der Schule, kam ich durch einen glücklichen Zufall als Helferin in den Kindergarten in Abtenau. Dort haben wir natürlich mit den Kindern viel gesungen. Meine Chefin, eine Nonne, hat in der Zeit gerade versucht, Blockflöte zu lernen, und zu meiner großen Freude bekam ich von ihr im nächsten Jahr zu Weihnachten ebenfalls eine Blockflöte geschenkt. Kurz vorher hatte sich mein Bruder eine Gitarre gekauft, und wir versuchten nun beide, ein wenig Singen und Spielen zu lernen. Kurz darauf kam ich nach Hallein in eine sehr musikalische Familie mit sechs Kindern. Dort teilte ich das Zimmer mit einem Mädchen, das von unseren gemeinsamen Chefleuten zum einundzwanzigsten Geburtstag ein Radio bekommen hatte. Sie hörte gerne ernste Musik, und so kam ich erstmals auch damit in Verbindung. Später erlaubte sie mir sogar, ihr Radio aufzudrehen, wenn sie frei hatte und nicht da war. Ich war damals sechzehn Jahre alt, und es war ein kleines Fest für mich, wenn ich nach einem vierzehnstündigen Arbeitstag im Bett liegen und im Radio die Musik hören durfte, die ich mochte. (...)

Diese Zeit in meiner Jugend war durch die Musik mit Sicherheit schöner, als sie sonst gewesen wäre. Wenn es irgendwo Gelegenheiten zum Tanzen gab, dann haben wir jungen Leute das voll genutzt. In Abtenau war es damals bei Hochzeiten noch üblich, daß die Musik kein Honorar bekam, sondern jeder Tanz einzeln „ausgezahlt“ wurde. Die Tanzpaare gingen in den Pausen nicht an den Tisch zurück, sondern auf der Tanzfläche im Kreis rundum, und einer der Männer zahlte wieder einen Tanz aus. Für die Tänzerin war es gewissermaßen eine Ehre, wenn der Bursch einen Tanz ausgezahlt hat. Am Samstag gab es damals im Radio die „Hitparade“, da haben wir Freundinnen uns meistens bei einer getroffen und ebenfalls fleißig getanzt.

Fünf junge Leute mit Musikinstrumenten in einer Küche
Barbara Waß hat sich nach der Maiandacht oft mit Freunden zum Musizieren getroffen (1964)

Nach meiner Heirat 1965 gab es nur mehr selten Gelegenheit zum Singen und Musizieren. Durch verschiedene Umstände sind wir später in eine Sekte gerutscht (Zeugen Jehovas), wo für solche Dinge ohnehin kein Platz ist. Da ist „weltliche Gesellschaft“, also der Umgang mit Menschen, die keine Zeugen Jehovas sind, unerwünscht. 1980 haben wir uns von dieser Gruppe endgültig getrennt, und ich war sehr froh, daß ich den Kindern wenigstens das Blockflötenspielen beigebracht hatte, und sie in der Schule in Flötengruppen mitspielen und so die Außenseiterrolle wenigstens teilweise ablegen konnten. (...)

Ich persönlich habe heute mit Musik immer noch einiges zu tun, allerdings in anderer Weise als früher. In meiner Tätigkeit im Bildungs- und Kulturbereich beobachte ich beispielsweise, was sich verändert hat in den letzten Jahrzehnten, auch in der Blasmusik. Die Musikkapelle eines Ortes rückte früher nur bei besonderen Anlässen aus und war stets eine Anziehungskraft für alle. Für die Musiker war es vor allem ein Hobby. Heute ist das anders. Durch zahlreiche Veranstaltungen im eigenen Ort, Mitwirkung bei Festen oder Platzkonzerten für den Fremdenverkehr sind die Musikkapellen sehr oft im Einsatz. Dazu hat sich zwischen den Kapellen - oder vielleicht hauptsächlich den Kapellmeistern - eine starke Konkurrenz entwickelt. Es werden schwierige Programme gespielt, was natürlich erheblichen Zeitaufwand für die Proben mit sich zieht. Dadurch fühlen sich manche Musiker überfordert. Andererseits gibt es in den Kapellen viele talentierte und durch die Musikschulen auch gut ausgebildete Musiker und Musikerinnen. Burschen haben zum Teil ihren Präsenzdienst bei der Militärmusik verbracht und haben dabei viel gelernt, fast alle haben Leistungsabzeichen erworben. Leider geht es dabei halt manchmal mehr um Perfektion als um die Freude an der Musik.

Ich selbst veranstalte in Kooperation mit der örtlichen Musikschule gelegentliche Konzerte, in denen sowohl junge Musiker aus der Umgebung als auch Absolventen der Salzburger Musikhochschule Mozarteum die Gelegenheit erhalten, ihr Können zu präsentieren. In der nervösen Aufregung vor Auftritten ist der Umgang mit ihnen nicht immer ganz leicht, aber wenn sie nach einer gelungenen Darbietung mit strahlenden Gesichtern ihren Applaus entgegennehmen, dann freue ich mich mit ihnen.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

"Wenn ich so ein Instrument hätte ..."

Verfasst von Barbara Waß

Auf MSG publiziert im September 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau, Lammertal, Abtenau
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre, 1990er Jahre

Anmerkungen

Der Text wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" im Jahr 1998 verfasst und ist veröffentlicht in dem Sammelband:

Dorothea Muthesius (Hg.): "Schade um all die Stimmen ..." Erinnerungen an Musik im Alltagsleben (2001), S. 230 ff.

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