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"Stets zu Schandtaten bereit ..."
von Adolf Katzenbeisser
Leute, die mich nicht näher kannten, schätzten mich als ruhigen Buben ein, als Kind, das etwas Duckmäuserisches an sich hatte. Daheim und bei den Nachbarn in dem kleinen Waldviertler Dorf Hörmanns bei Litschau galt ich als „Lauser“ mit einem Hang zum Lügen, der stets zu Schandtaten bereit war. „Der Puchermann Doifei hat’s faustdick hinter den Ohren“, pflegte eine Dorfbewohnerin zu sagen. Puchermann war unser Hausname.
Eine meiner ersten Schandtaten kenne ich nur aus Erzählungen, wenn auf ein 1944 entstandenes Foto hingewiesen wurde, auf dem ich zornig dreinblicke.

Als in Wien die Bomben fielen, übersiedelten zwei Tanten mit ihren Kindern ins Waldviertel, wo sie bei Verwandten Aufnahme fanden. Häufig kamen sie aus den benachbarten Orten zu uns auf Besuch. Ein Unbekannter bot sich an, von uns Kindern auf der Sitzbank beim Haus ein Foto zu machen. Die Cousine Fritzi bemächtigte sich meiner geliebten Scheibtruhe und setzte sich in Positur. Ich war es nicht gewohnt, meine wenigen Spielsachen mit anderen zu teilen, nach dem Fotografieren biss ich das Mädchen in die Hand.
Vor dem Schulalter verspottete ich Menschen mit körperlichen Abnormitäten mit Grimassen, durch Zungezeigen und Fingerzeig mit grausamem Lachen, einmal vom sicheren Schuppendach aus eine vorbeigehende, stark schielende Frau. Da trat etwas ein, das ich nicht erwartet hatte, sie reagierte eher gelassen mit: „So was tut man nicht!“ Für mich war das beschämender, als hätte sie mich geohrfeigt. Ich nahm mir die Worte zu Herzen. Und in Zukunft wich ich der Frau aus.
Einem Mädchen in der Nachbarschaft klaute ich Spielsachen, Kleinigkeiten wie Tonkugerln oder Zinnsoldaten. Auf Fragen der Herkunft sagte ich, ich hätte sie gefunden. Als ich eine Spielzeug-Schalenwaage heimbrachte, wieder „gefunden“, schleppte mich meine Mutter zu der Familie, von der ich gerade gekommen war. Ich sollte mich für den Diebstahl entschuldigen. Noch heute sehe ich mich dort mit einem Schamgefühl stehen, kein Wort hervorbringend, zu Boden blickend.
Ich habe viel gelogen, sofort alles abgestritten, wenn ich etwas angestellt hatte. Das Erröten meines Gesichts entlarvte mich. Man glaubte mir auch nicht, wenn ich einmal die Wahrheit sagte, auch wenn ich meine Unschuld noch so beteuerte. Nur Notlügen seien erlaubt, trichterte mir Mutter ein.
Im Alter von sechs bis zehn hatte ich meine Lügengeschichtenzeit. Ich war ein fantasievoller Lügner - heute würde man sagen, ein Kind mit überreicher Fantasie. Als Vorbild diente mir da Großmutters Bruder aus dem Nachbarort Haugschlag mit seinen von vorn bis hinten erfundenen Geschichten, der nicht umsonst „Lugsepp“ genannt wurde. Bei einem Sommerfrischler-Mädchen in Lederhose hatte ich mit meinen oft gruseligen Lügengeschichten meist Erfolg. Die Großtante des Mädchens stand eines Tages vor unserer Tür und berichtete meiner Mutter von den von mir erzählten „Raubersg’schichten“. Das Mädchen fürchte sich, traue sich abends nicht mehr allein in den Hof hinaus aufs Häusl. Auch daheim erzählte ich erfundene Unwahrheiten, die man mir manchmal sogar abkaufte, weil sie so aalglatt klangen.
Beim Heidelbeer- und Preiselbeerpflücken schwindelte ich, was nur ging. Damit das für Kinderhände kleine Aluminiumhäferl schneller voll war, füllte ich es zur Hälfte mit Blättern von Sträuchern. Wenn ich zum Korb entleeren ging, zeigte ich Mutter das volle Gefäß und bekam dafür vorerst einmal Lob für meinen Fleiß – bis sie mir auf die Schliche kam.
In der Schule fiel ich kaum negativ auf, ich war nie ausgelassen, immer zurückhaltend. Einmal musste ich aus Übermut Strafe schreiben, weil ich meine Sitznachbarin Angela bei den Zöpfen gezogen hatte. Einige Male bekam ich zur Strafe hundert Mal: „Ich soll während der Stunde nicht schwätzen.“ Ich schrieb sie auf braunes Packpapier, das mir Mutter auf Heftgröße zuschnitt. Stänkereien und Raufereien wich ich als körperlich Schwacher geschickt aus, ich ließ mir sogar Einiges gefallen.
Die Volksschule war einklassig, der Lehrer bot allen acht Schulstufen gleichzeitig etwas. Es muss in der zweiten oder dritten Klasse gewesen sein, als ich mit einem Gummiringerl herumspielte, das U-förmig zusammengefaltete Papier in Richtung Tafel losschoss und den Kopf des Lehrers nur knapp verfehlte. „Wer war das?“ Ich meldete mich nicht, wurde aber sofort verraten. Zu meiner Überraschung gab es keine ernsten Folgen, mit einer saftigen Watsch’n war die Sache für den Lehrer erledigt. Meine Eltern erfuhren nichts davon. Nicht erledigt war der Vorfall für ein paar Mädchen aus der Oberstufe. In der nachfolgenden Pause bedrohten und beschimpften sie mich aufs Ärgste, eine meinte, aus mir werde einmal ein Verbrecher werden.
Am Heimweg stiftete ich Mitschüler zu allerlei Lausbübereien an, wobei ich mich stets im Hintergrund hielt: Luft aus den Reifen abgestellter Fahrräder auslassen, Gegenstände verstecken oder verschwinden lassen, in den Auspuff des Motorrades vom Krankenkassenkontrolleur einen Erdapfel stecken. Vieles hörte und lernte ich von einem Cousin Vaters, der gelegentlich vorbeikam und seine Lausbubenstücke preisgab. Auch Dinge, auf die ich von allein nie gekommen wäre. Trotz seines fortgeschrittenen Alters war er noch zu allerlei Streichen aufgelegt. Er besaß Bauernschläue. Der Hans-Onkel, wie ich ihn nannte, obwohl er kein richtiger Onkel war, war mir der liebste von allen Verwandten. Mit Begeisterung hörte ich ihm zu. Man gab ihm die Schuld, wenn ich wieder einmal etwas angestellt hatte.
Das Nachbarhaus stand in geringer Entfernung von unserem Haus, sein rückwärtiges Dach reichte hinunter fast bis zum Boden. Vater hatte immer ein paar Stück Fensterglas auf Vorrat. Ich nahm eine Glasplatte, erkletterte das Dach und legte sie auf den Abschluss des Rauchfangs. Auf die Idee hatte mich der Hans-Onkel gebracht. Die Nachbarin war verzweifelt, weil sie fürs Mittagessen kein Feuer im Herd zusammenbrachte und die Küche verraucht war. Ihr Mann, der Altbürgermeister, nahm an, ein Ziegel habe sich im Rauchfang gelöst und verkeilt oder ein toter Vogel könnte darin stecken.
Wie überprüft man so etwas? Er führte mit der Kohlenschaufel seinen Rasierspiegel beim Kamintürl ein. Der Spiegel gab freie Sicht auf den Himmel, und er meinte zu seiner Frau, sie sei zu dumm zum Feuermachen. Er ging ins Wirtshaus. Sie holte sich Rat bei meiner Mutter. Die erinnerte sich an die Schilderung des Hans-Onkels und blickte besorgt drein. Sie empfahl ihr, eine größere Menge Papier anzuzünden, welche die „falsche Luft“ im Rauchfang durchzureißen imstande sei. Als die Frau weg war, stellte sie mir eine ernste Frage. Ich gab’s zu und musste die Glasplatte schnell herunterholen. Der Streich hatte für mich keinerlei Folgen, im Gegenteil, sogar Vater musste darüber lachen.
Die Geschichte vom stummen Läuten der Dorfglocke schilderte der Hans-Onkel bis ins Detail. In jungen Jahren hatte er um den Glockenschwengel einen Erdäpfelsack gebunden. Das Glockenhäusl befand sich in einem Anbau der Gemischtwarenhandlung, und ich versuchte, den Greißler-Franzi für diesen Unfug zu gewinnen. Die Sache war schon so gut wie abgemacht, als er aus Ehrfurcht vor der Glocke, die er manchmal unter Aufsicht läuten durfte, einen Rückzieher machte. Wir hätten es wahrscheinlich sowieso nicht geschafft, mit einer hohen Leiter zum Glockentürmchen aufzusteigen.
An einem Wintertag brachte ich meine Begleiter am Heimweg von der Schule auf die Idee, Figuren und Wörter in den Schnee zu urinieren, und das ungeniert vor einem Haus. Die Leute trugen uns „Fotzn“ an, wir liefen schnell davon. Die Mutter vom Müllner Ernst erfuhr es und war auch sonst schon verärgert, weil ihr Bub immer so spät von der Schule heimkam. Sie passte uns ab, beobachtete unser Treiben, als wir mit den Schultaschen als Untersatz einen Hügel hinunterrutschten. Mich traf es am Ärgsten. Außer sich vor Wut, beschimpfte sie mich und zog mich fest an den Ohren. Beim anschließenden Gespräch mit meiner Mutter bezeichnete sie mich als „Rädelsführer“. Meine Mutter sagte, sie müsse sich für mich schämen. Sie drohte mir mit der Einweisung in eine Erziehungsanstalt. Warnend erzählte sie mir von einem schlimmen, unfolgsamen Buben aus der Stadt, dem es so ergangen ist. Ich wusste, dass ihre Drohung nicht ernstgemeint war. Meine Lügen, das Stehlen, Schwindeln, Abhauen und Ruinieren von Gegenständen dürften ihr schwer zu schaffen gemacht haben, ich strapazierte ihre Geduld. Jahrzehnte danach erzählte sie noch, welch „Fratz“ ich war.
Wenn Vater abends müde von der Arbeit heimkam, war meist seine erste Frage: „Was hat er heute wieder angestellt?“ Großmutter berichtete ihm meine Schandtaten, später brannte der um fünf Jahre jüngere Bruder darauf, mich zu verpfeifen. Meist betraf es Vaters Holzbearbeitungswerkzeuge, auf die er sehr heikel war und die ich zum Herstellen von Erbsenpistolen und einfachen Armbrüsten benutzte. Da und dort hatte ich was zu sägen oder ein Loch zu bohren. Da nützte auch die angedrohte Strafe nichts. Wenn ich heute so zurückdenke, ich verspürte das Bedürfnis, etwas Verbotenes zu tun.
„Sofort niederknien!“, waren die Worte des strengen Vaters. Widerstand war zwecklos, wenn ich einmal „bockte“, bekam ich den Lederriemen zu spüren. Etwa mit neun musste ich zur Strafe nicht mehr knien, ich bekam von ihm strenge Belehrungen.
Der Bruder konnte sich, als er in die Jahre kam, viel mehr erlauben. Er war allerdings kein so unfolgsames Kind wie ich, war nicht überall „dran“. Musste er einmal mit dem Gesicht zur Wand knien, fand er die Strafe mehr als schlimm, er weinte und jammerte. Bei ihm wurde von Vater fast alles toleriert, er war ein Vaterkind. Ich war bereits vier, als Vater vom Krieg heimkam, er hatte mein Heranwachsen nicht miterleben dürfen, wir waren uns gegenseitig irgendwie fremd. Sein Verhältnis zum Bruder und der nachfolgenden Schwester war daher inniger. Er und ich redeten nie ein unnötiges Wort miteinander, auch nicht, als ich älter wurde. Wie viele Männer dieser Gegend, war auch mein Vater nicht sonderlich gesprächig; außer Vorhaltungen, wenn ich nicht meine Pflicht erfüllte, hatte er mir wenig zu sagen.
In den 40er und 50er Jahren gab es in einem Haus nicht viel Technisches, selbst dieses war bei mir nicht sicher. Ich hatte einen ausgeprägten Forscherdrang. Die Erwachsenen sahen das mit anderen Augen, ich war der Lauser, der überall dran war und alles kaputt machte. In meiner Wissbegier schraubte ich den Wecker und ein Trichtergrammophon auf, nahm das Fernglas auseinander. Mein Bruder bekam ein Blechspielzeug zum Aufziehen geschenkt, ich bog die kleinen Laschen auf, um an den Inhalt heranzukommen. Zerlegt ist bald etwas, die Teile wieder richtig zusammenzubauen gelang mir selten. Ungeschickt, stets in Eile und mit dem Gedanken, nicht erwischt zu werden, ruinierte ich viel. Die zwei Wanduhren mussten wegen mir hoch nach oben, knapp unter die Decke, gehängt werden.
In Abständen von etwa zwei Monaten kam ein Onkel vorbei und schnitt Vater und uns Buben die Haare – mehr als gründlich, der Haaransatz begann weit über den Ohren. Als ich seinen Haarschneider aufschraubte und die weggesprungene Spiralfeder unauffindbar blieb, hatte ich bei ihm endgültig ausgespielt. Wenn ihm von meinen Untaten erzählt wurde, schlug er vor, „dem Mistbuam öfter ane zu wixen“ und in die schwarze Kuchl oder den finsteren Keller zu sperren. Das blieb mir erspart, so weit ging die Bestrafung nicht.
Irgendwie kam ich an den allein wegen mir unter Verschluss gehaltenen Fotoapparats ran, unklugerweise zu einem Zeitpunkt, wo sich Mutter im Haus aufhielt. Ich wurde dabei von ihr überrascht, klappte den Faltenbalg mit Gewalt zusammen, ohne die Arretierung zu drücken, die glänzenden Metallschienen waren verbogen. Um der strengen Bestrafung des erst bei Dunkelheit heimkehrenden Vaters zu entgehen, schlich ich mich aus dem Haus. Die Eltern suchten mit der Taschenlampe nach mir. Ich hörte Mutter sagen: „Hoffentlich hat er sich nichts angetan.“ Aus Angst und vor Kälte zitternd, fanden sie mich zusammengekrümmt hinterm Holzschuppen versteckt unter Gestrüpp. Zu meiner Überraschung blieb die Strafe dieses Mal aus, ich wurde ohne Essen ins Bett geschickt.
Der Großmutter stibitzte ich gelegentlich aus dem Börsl Münzgeld, vorsichtigerweise nur so wenig, dass es ihr nicht auffallen sollte. Damit kaufte ich mir Brausepulver, einzeln verpackte Stollwerk-Zuckerln, das Stück um zehn Groschen oder eine Bensdorp-Schokolade um einen Schilling. Taschengeld bekam ich keines, dann und wann gab mir Vater fürs Putzen des Motorrades eine Kleinigkeit. Beim Neujahrwünschen und Osterratschen kamen ein paar Schilling zusammen. Die Greißlerin, meine Tante, machte meine Mutter auf mein regelmäßiges Geldausgeben aufmerksam. Die wies darauf hin, dass ich vom Bürgermeister fürs Einholen von Unterschriften für die Gemeinderatssitzungen und Feuerwehrübungen Geld bekomme. Der junge Bürgermeister schätzte meine Botengänge mit den Listen und dankte mir mit einem Schilling oder Doppelschilling. Mir machte das Herumlaufen im Dorf bis zu den Einschichthäusern Spaß, zu schaffen machten mir nur die nicht angeketteten Hunde bei den Höfen.
Es wurde grob nachgerechnet, wie viel Geld ich laufend für Naschereien ausgebe, und so kam ich in den Verdacht, in Großmutters Börsl zu greifen, was meine Mutter bereits geahnt hatte. Im Zuchthaus würden Kinder wie ich einmal landen, predigte sie mir.
Im Dorf gab es ganz wenige Buben meines Alters, in unmittelbarer Nachbarschaft nur einen, den Konrad. Mit ihm wurde mir der Umgang untersagt, von ihm würde ich noch mehr Unarten lernen, hieß es. Trotzdem traf ich mich mit ihm hinterm Haus. Sonst blieb mir nichts anderes übrig als „otauchn“, abzuhauen, meist zu den Albrecht-Buben. In die Schmiede und ins Sägewerk zog es mich auch immer wieder, wo ich den Männern bei ihrer Arbeit zusah. Wenn irgendwo im Dorf was los war, nichts wie hin. Bei den Elektrifizierungsarbeiten war ich daheim kaum zu halten.
Meine Mutter half bei einem Bauern bei der Ernte aus, daneben musste sie die Pacht für Wiesen und Felder abarbeiten. Wenn die Kuh wegen Kalbens keine Milch hergab, bekamen wir diese von jenem Bauern, und auch dafür leistete sie Arbeit. Wir Kinder waren währenddessen in der Obhut der Großmutter. Sie wurde 1871 geboren, war schon gebrechlich und mit uns völlig überfordert, besonders mit mir. Mit den zwei Kleinen an der Hand ging sie mich suchen und holen. Die heimkehrende Mutter sprach mit mir wieder einmal ein „ernstes Wort“, und für die nächsten Tage bekam ich Hausarrest. Da ich diesen selten befolgte, nahm sie mich zu den Arbeiten mit, wo ich mich mit leichten Tätigkeiten nützlich machen oder niedere Dienste tun musste, etwa beim Getreideschnitt Bänder auflegen und Halme klauben, bei der Erdäpfelernte Säcke beim Entleeren der Körbe aufhalten, den Getränke-Krug nachtragen. Zu den Feldarbeiten auf unserem Pachtgrund nahm sie mich sowieso mit.
Dieses „Ins-Gewissen-Reden“ fand ich schrecklich. Lieber hätte ich von ihr eine Ohrfeige bekommen, sie drohte mir zwar damit („Gleich staubt’s!“), schlug mich aber nie. Ihre Erziehungsmethoden gefielen der Großmutter gar nicht, sie glaubte, nur körperliche Züchtigung würde bei so einem „Nixnutz“ Erfolg bringen. Und mehr zur Arbeit einteilen sollte man ihn, damit er nicht auf dumme Gedanken komme, meinte sie. In dem Alter hätten ihre Buben schon fest zupacken müssen. Sie hatte zehn eigene Kinder großgezogen. Oft erhob sie die Hand gegen mich, doch ich war meist schneller und entwischte ihr.
Zum Fleischhauer in Litschau ging ich samstags gerne mit. Während Mutter Wurst und das Fleisch für den Sonntagsbraten einkaufte, läutete ich beim Nebenhaus an, nachdem ich mich davor bei ihr nach dem Zweck dieses Knopfs in dem runden Holz erkundigt hatte. Eine ältere Frau öffnete nach dem Klingeln das Tor, blickte nach links und rechts und schloss wieder ab. Beim zweiten Versuch dürfte sie mich vom Fenster aus beobachtet haben. Schnurstracks ging sie auf den Sockel mit der Kaiserbüste zu, hinter dem ich mich verdrückt hatte, zog mich an den Haaren hervor und fragte, wem ich gehöre. Mutter entschuldigte sich bei der Frau, sagte, man könne den Buben keine fünf Minuten allein lassen. Die versprochene neuen „Klapperln“ – einfache Sandalen – gab’s nicht. Auf dem drei Kilometer langen Heimweg schritt sie wortlos vor mir her, zu Hause angekommen: „Sofort hinknien!“ Und wieder kam die Drohung mit der Erziehungsanstalt.
Ich war elf, als wir nach dem zu Litschau gehörenden Teil von Kainraths übersiedelten und ich in die Hauptschule eintrat. Es gab viele Hausaufgaben, ich wurde zur Mithilfe in der kleinen Landwirtschaft gebraucht und musste beim Umbau des Hauses mithelfen. Da ich bereits Rad fahren konnte, schickte man mich einkaufen. Viel Zeit blieb jetzt nicht mehr für Lausbubenstreiche. In näherer Umgebung gab es keine Altersgleichen. Spaß machte mir, verschnürte Schachteln und Päckchen am Straßenrand auszulegen und aus einem Versteck zu beobachten, wie sich die Finder verhielten. Nicht erfreut über den Inhalt von Rossknödeln, toten Nattern oder sonstigen unappetitlichen Dingen, schleuderten sie den Fund in den Straßengraben.
Wenn die Luft rein war, machte ich meine regelmäßigen aber unerlaubten Abstecher zu den Scherbengruben in den umliegenden Wäldern. Es war nicht ungefährlich, überhaupt wenn ich barfuß in den Abfällen rumsuchte. Müllabfuhr gab es noch keine, die Leute kippten alles, was nicht brennbar war, in Gruben, die Jahrzehnte davor durch Abbau von Granit entstanden waren: Glas, Metall und alles, was in einem Haus so anfiel, auch ätzende Stoffe, aber auch Radioapparate, die durch die aufkommenden UKW-Geräte ersetzt worden waren. Ich schleppte Vieles heim, so manches Stück verschacherte ich heimlich. Schachern wurde als etwas Anrüchiges gesehen und war mir streng verboten. Gegen das Aufklauben von Medizinfläschchen aus den Abfällen, die ich reinigte und vom Apotheker dafür, je nach Größe, einen oder zwei Schilling bekam, hatten meine Eltern nichts einzuwenden, ich bekam sogar Lob für meine Geschäftstüchtigkeit.
"Stets zu Schandtaten bereit ..."
Verfasst von Adolf Katzenbeisser
Auf MSG publiziert im September 2009
In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe
- Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
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- Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Litschau, Hörmanns
- Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre
Anmerkungen
Einige Unarten und Kinderstreiche wurden in meiner Autobiographie "Kleiner Puchermann lauf heim ..." (Band 10 der Buchreihe "Damit es nicht verlorengeht..." (erschienen 1986; vergriffen)) bereits angedeutet und sind hier ausführlicher dargestellt.
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