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Wie sich das Milieu verändert

von Herta Techt

Wie sich das Milieu eines Menschen im Laufe seines Lebens ändert! Mein Mann war 1927 geboren worden. Sein Vater war ein Bierführer und sie konnten sich sehr bald einen Baugrund kaufen, und wie das damals so üblich war, ein behelfsmäßiges Häuschen aus Holz hinbauen, sie mussten sich da gar nicht besonders einschränken. In dem Häuschen lebten sie so lange, bis das ordentliche Haus fertig war.

Die Mutter erzählte, dass es ihnen an nichts fehlte. Vater brachte von seinen Ausfahrten zu den Wirten so viel Fleisch und Wurst nach Hause, sodass sie in dieser Hinsicht nichts kaufen mussten, was natürlich ein schönes Stück Geld ausmachte, das sie für den Hausbau zur Seite legen konnten. Sie konnten sich allerlei leisten, wie zum Beispiel ein Foto, gemacht von einem Profi, was sicher damals nicht billig war, und die Kleidung des Jungen war exzellent.

Als der Junge sechs Jahre als war, starb plötzlich der Vater an einem Kriegsleiden. Aus war es mit dem Wohlstand. Die Mutter ging stundenweise am Bau arbeiten, so weit es möglich war, stach sie den Garten um und baute Kartoffeln und Bohnen an. So brachten sie sich so recht und schlecht durch, soziale Absicherung hatten sie keine. Der Vater war noch zu jung, und so rasselten sie durch das soziale Netz, so würde man heute sagen, durch. Die Stadtgemeinde Graz hatte für solche Kinder in Jugoslawien ein Erholungsheim, da durfte er einmal mitfahren.

Ein Ruderboot auf dem Meer, darin stehen und sitzen etwas zehn Buben in Badehose, in der Mitte steht die Betreuerin in einem weißen Kleid
1936

Vier Kilometer hatten sie zur Schule. Da gingen sie natürlich zu Fuß – im Sommer barfuß, um die Schuhe zu sparen. Am Heimweg waren sie oft schon so hungrig, dass die Rübenfelder nicht sicher waren. Und dann gab es eine Frau, eine Gutsbesitzerin mit Herz, dorthin marschierten sie oftmals, läuteten an, das Fenster ging auf, und die Kinder sagten die Anzahl der hungrigen Mäuler. Nach einiger Zeit kam ein Stock herunter, an dem unten ein Brett befestigt war, darauf lagen die Brotstücke mit etwas Butter oder Schmalz bestrichen, und die Kinder aßen sie mit Genuss. Wir wohnten in der Gegend, und so gingen wir da oftmals vorbei. Niemals vergaß er, davon zu sprechen.

Dann kam das Jahr 1938, der Anschluss an Großdeutschland. Da bot man die Möglichkeit, bei entsprechendem Notendurchschnitt kostenlos ein Schülerheim zu besuchen, um einen Beruf zu erlernen. Er ging nach Friedrichshafen am Bodensee und lernte dort in den Dornier-Werken Flugzeugbau. Nun ging es natürlich wieder aufwärts. Wir heirateten, hatten einen Sohn und 1955 konnten wir uns schon einen alten Skoda leisten, mit dem wir eine Urlaubsfahrt auf den Großglockner machten. Somit hatte er das karge Milieu wieder hinter sich gelassen.

Kaiser-Franz-Josefs-Höhe mit dem Blick zur Pasterze; zwei Männer stehen am Straßenrand, der Jüngere hat einen kleinen Buben am Arm.
Kaiser-Franz-Josefs-Höhe mit dem Blick zur Pasterze (1955)

Eine kleine Episode noch zum Skoda. Das war natürlich ein uraltes Vehikel, was nicht auffiel, denn es hatten nur wenige schönere. Nun geht es auf den Großglockner sehr steil hinauf, und das packte unser Freund nur schwer. Bei jedem zweiten Brünnlein mussten wir stehen bleiben, denn sonst hätte man wohl vermutet, wir seien mit einer Dampflok unterwegs – es dampfte wie wild heraus aus der Motorhaube. Mein Mann hatte dafür eine Bierflasche bereit, mit der gab er unserem Wägelchen frisches Kühlwasser und es dankte es uns, indem es wieder einige Kilometer zottelte. Und so erreichten wir die Höhe. Bergab ging es besser, denn die Bremsen waren besser auf Zack!

Informationen zum Artikel:

Wie sich das Milieu verändert

Verfasst von Herta Techt

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Graz / Kärnten, Oberkärnten, Großglocknerstraße, Franz-Josefs-Höhe
  • Zeit: 1930er Jahre, 1950er Jahre

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