Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

Meine Kindheit an der 'Peripherie'

von Ingeborg Walla-Grom

Mein armseliges Leben begann 1931 im damaligen Allgemeinen Krankenhaus im 9. Bezirk als lediges Kind. Eine Schwester trug mich mit einem zweiten Baby – jedes geschmückt mit einer großen gelben Masche – auf den Armen hinüber in die Kirche zur Taufe. Gleich nach der Geburt, ungefähr wie bei einer Nottaufe, denn die meisten Babys starben damals bald nach der Geburt. Einfach so!

Meine Wiege – ein Waschtrog – stand in der Koloniestraße in Floridsdorf, in einem kleinen Kabinett.

Mama war eine Schönheit, aber sonst nichts. Papa war Soldat beim Bundesheer und durfte erst mit 24 Jahren heiraten. Da war ich dann schon elf Monate alt, und wir wohnten nun in einem ehemaligen Fleischerladen am Bruckhaufen, in der Arbeiterstrandbadstraße, in der Nähe des Überschwemmungsgebietes. Es war ein Gassenlokal mit Steinfußboden und mit Rolladentür. Der schmale Durchgang in die hintere Lokalität war zugemauert, denn da wohnte ebenfalls eine arbeitslose Familie.

Mama hatte nichts zu tun, also hockte sie meistens vor dieser Mauer und tratschte durch die Wand mit der Nachbarin. Papa, beim Militär ausgemustert, suchte Arbeit. Und ich suchte nach Bröseln in der Brotdose. Zwei Schilling bekam Papa Arbeitslose für drei Personen in der Woche! Für Miete, Brot, Zucker und ein Stück Speck zum Auslassen von Schmalz. Manchmal konnten wir Nüsse in Heimarbeit aufschlagen. Da hockten wir dann am kalten Boden, aber nur die schönen Hälften wurden bezahlt. Die Brösel aßen wir selber.

Ich strolchte mit den anderen Kindern in der Gegend herum. Stierlte in Mistkübeln, verletzte mich einmal an einer Rasierklinge und blutete stark am kleinen Finger. Wenn der alte Mann mit seinen Gänsen und „Wulle-wulle“-Rufen zur nahen Donau schlurfte, rannten wir hinterher und neckten seinen Hund, einen Foxl.

Ein Rastelbinder kam, er lötete Pickerln in die löchrigen Reindln der Frauen, der Aschenmann holte die „Åschn“ ab. Bänkelsänger sangen uns was vor, für einen Groschen, der ihnen im Papierl vor die Füße geworfen wurde. Im Hof saß ein alter Mann und zeichnete Postkarten, Einige Spatzen auf der Suche nach Bröseln waren schon ein hübsches Motiv.

Ein Fetzenlaberl war unser Ball, und ein Schmalzbrot war unser größtes Glück, denn der Hunger tat weh. Papa wurde "ausgesteuert", das hieß, keine zwei Schilling Arbeitslose mehr. Was nun ? Die Erwachsenen tuschelten über Nazis, Rote, Schwarze, Hahnenschwänzler, Kommunisten und den Schutzbund. Ich trieb mich auf der Donauwiese herum, suchte nach Münzen. Für ein Zweigroschenstück bekam man am "Standl" ein buntes "Zuckerstangl"!

Papa ging zu Fuß nach Simmering auf die Haide zu den Gärtnern. Barfuß, damit er sein einziges Paar Schuhe schonen konnte. Für einen Tag Arbeit bekam er für uns ein bisschen Gemüse. Ein Scherenschleifer kam mit seinem Wetzstein: Messer, Scheren schliff er damit. Einmal warf mich ein Bub auf ein Eisengitter, die Nase brach. Da kann man nichts machen, ohne Geld. Ein Pflaster drauf, aus!

So hausten wir bis zum Umsturz. Dann bekam Mama endlich eine Wohnung. Zwar Substandard, aber Hitler brauchte ja Kinder, und Mama war doch wieder schwanger. Papa kam wieder zum Militär, und bald darauf zum Polenfeldzug. Dann nach Norwegen, Frankreich, Afrika und auch in russische Gefangenschaft. Von dort kam er 1945 krank nach Hause, und da wir total ausgebombt waren, suchten wir nun wieder nach einer Wohnung!

300 m2 Paradies auf Erden

Der Traum fast jedes jungen Mädchens, ging für mich mit 18 Jahren in Erfüllung! Ein 21-jähriger, großer, fescher Traumprinz sang für mich die Arie: "Reich mir die Hand, mein Leben, und komm auf mein Schloss mit mir…"

Ich ging mit ihm mit – und habe es 46 Jahre lang nicht bereut. Ein Reihenhaus, 70 m2 Wohnfläche, mit kleinem Vorgarten und hinter dem Haus 300 m2 Garten. Allerdings inklusive böser Schwiegermutter. Erst 88-jährig, auf ihrem Sterbebett, nahm sie meine Hände in die ihren, streichelte mich und sagte: "Du bist ja doch eine gute Frau für meinen Sohn!" Fünf Enkelkinder haben wir ihr beschert, sieben Urenkel, zwei Ururenkel.

Mein Mann war gelernter Gärtner, im zweiten Bildungsweg gelernter Maurer, und gemeinsam nützten wir die Zeit, unseren Kindern eine schöne Kindheit zu bieten. Jedes kleinste Stückchen Erde wurde bebaut, gehegt und gepflegt. Es gab Obst in Hülle und Fülle: Erdbeeren, Himbeeren, Ribisel, Stachelbeeren. Fünf Marillenbäume, die zu verschiedenen Zeiten ihre herrlichen, saftigen Früchte trugen, Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Zwetschken und Kirschen. Aber auch Erdäpfel, Zwiebel, Salat und Gemüsebeete. Dazwischen Blumen zu jeder Jahreszeit ! Eine große Spielwiese mit Schaukel, Sandkiste, ein Schwimmbassin mit Schlauchboot, Hasenställe. Die jeweiligen Häschen wurden bis zu ihrem natürlichen Tod (mit elf, zwölf Jahren) heiß geliebte Spielkameraden. Eine Tigerkatze, die Minki, gab es. Sie wurde 21 Jahre alt!

In warmen Sommernächten stellte Papa ein Zelt auf, und die Kinder durften "Camping" machen. Mit Taschenlampe, Fix-und-Foxi- oder Micky-Maus-Hefterln, Kassettenrekorder und "Töpfchen", auch mit Nachbarkindern. Lustige Kindergeburtstage wurden gefeiert. Im Winter halfen wir alle beim Schneemann- oder Iglu-Bauen. Es gab früher ja viel mehr von der weißen Pracht. Am Gartenzaun entlang wuchsen Tannenbäumchen ihrem Endziel entgegen - uns als Weihnachtsbaum zu dienen!

Da Papa gelernter Gärtner war, konnten sich die Kinder mit dem vielen Obst, Gemüse, Blumen usw. ihr Taschengeld aufbessern. Zum Beispiel durften sie zum Muttertag Tulpen, Flieder an Schulkollegen für ein paar Schillinge verkaufen. Deren Eltern bestellten schon im Frühjahr unsere herrlichen Marillen, das Kilo vier Schilling! Frisch vom Baum. Sie wären das Doppelte wert gewesen. Eben ein Freundschaftspreis!

Unsere Kinder konnten sich dadurch heimliche Wünsche erfüllen, denn trotz meiner beruflichen Mithilfe: Fünf Kinder kosten viel Geld! Zum Beispiel für eine höhere Schulbildung, verbunden mit Schikursen, Erlernen eines Musikinstruments, Kleidung, Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke usw.

Aber es hat sich gelohnt!

Informationen zum Artikel:

Meine Kindheit an der 'Peripherie'

Verfasst von Ingeborg Walla-Grom

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 21. Bezirk, Bruckhaufen / Wien, 12. Bezirk, Siedlung Am Rosenhügel
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Dieser Erinnerungstext entstand in Zusammenhang mit einem lebensgeschichtlichen Gesprächskreis unter dem Motto "An den Rändern der Stadt", der im Herbst 2008 im Wien Museum Karlsplatz stattfand.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.