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Sommerfrische 1941

von Ilse Sakouschegg

Eine Familie - die Eltern und zwei kleine Kinder - sitzt auf einer Holzbank, der Bub hat eine Lederhose und ein weißes Hemd an, seine kleinere Schwester ist im Kinderwagen, gesichert durch ein "Brustgeschirr". Hinter der Bank wächst Schilf, im Bildhintergrund sind bewaldete Berge zu sehen.

Das vor mir liegende Foto wurde im Sommer 1941 in unserer Sommerfrische am Weißensee in Kärnten aufgenommen. Es ist eines der seltenen Fotos, auf denen unsere ganze Familie zu sehen ist. Wenn es meine Eltern nicht später erzählt hätten, könnte man nicht entnehmen, dass diese Photographie (wie man damals sagte) am Weißensee aufgenommen worden war. Geknipst wurde das Bild vermutlich von meiner Großtante oder deren bester Freundin. Die beiden Damen, sie waren Lehrerinnen in Wien, verbrachten viele Jahre hindurch ihre ganzen Ferien in Techendorf am Weißensee.

Da ich damals das kleine Mädchen im Alter von 14 oder 15 Monaten im Kinderwagen war, kann ich mich natürlich nicht an die Aufnahme erinnern. Nur, dass ich um nichts in der Welt zu bewegen war, mich umzudrehen, erzählte meine Mutter des Öfteren. Warum sollte ich mich auch von meinen Eltern abwenden? Neben mir ist mein damals 5-jähriger Bruder zu sehen.

Meine Mutter trug ein Dirndl, wie es damals viele Frauen taten; besonders Städterinnen, wenn sie aufs Land fuhren. Mein Vater hatte selbst bei Spaziergängen in der Sommerhitze einen Anzug an. Nur wenn es sehr heiß war, zog er seinen Rock aus. Ein weißes oder zumindest helles Hemd war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Eine saloppe Hose mit Hemd oder Pullover oder gar ein T-Shirt wären damals für Städter auch im Urlaub undenkbar gewesen. Zum T-Shirt sagte man damals Ruderleiberl, und es wurde nur zu sportlichen Betätigungen, eben zum Rudern, getragen. Ein Trachtenanzug als Gegenstück zum Dirndl wäre damals auch üblich gewesen und wurde von meinem Vater auch gelegentlich getragen.

1941 waren wir also am Weißensee, wo wir etwa vier bis sechs Wochen verbrachten. Mein Vater, ein Bankbeamter, hatte nur drei Wochen Urlaub bekommen. Das weiß ich nicht nur aus Erzählungen, sondern das lässt sich sogar aus der erhaltenen Korrespondenz meiner Eltern entnehmen. Fast täglich schrieben sich Vater und Mutter eine Korrespondenzkarte, eine Karte ohne Ansicht, die beiderseitig zu beschriften war. Inhalt dieser Korrespondenz vom Sommer 1941 waren die alltäglichen Dinge und Sorgen. Politisches ließ man zu dieser Zeit, zu Beginn des Krieges, mit Absicht ganz aus.

Informationen zum Artikel:

Sommerfrische 1941

Verfasst von Ilse Sakouschegg

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Kärnten, Oberkärnten, Weißensee
  • Zeit: Juli 1941

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