Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

Veraltet oder gewählt ausgedrückt?

von Ilse Sakouschegg

Eben waren meine Mutter und ich in unser Wohnhaus eingetreten, als wir ein Gepolter auf der Straße hörten. Es war dies der vertraute Lärm, wenn die Coloniakübel vom Hof auf das Trottoir vor dem Haus gestellt wurden. Einmal pro Woche holte die Städtische Abfallbeseitigung sämtlichen Müll ab. Noch lange war Mülltrennung kein Gesprächsstoff. Was damals in den Coloniakübeln landete, waren vor allem Küchenabfälle, aber auch zerbrochenes Glas oder Papier oder Kartons. Plastik, der Großteil des heutigen Abfalls, war noch unbekannt. Noch brauchbare Gläser, Papier, Schachteln oder Spagat hütete man wie seinen eigenen Augapfel, denn man konnte diese Dinge noch eines Tages brauchen! Abgesehen davon konnte man alles Brennbare jederzeit verbrennen, denn man hatte noch Öfen.

Wir gingen zuerst ins Souterrain, wo Herr Gallus eine kleine Werkstatt hatte. Er machte kleine Reparaturen an z.B. Kinderwägen, Haushaltsgeräten oder ähnlichem. Herr Gallus war so etwas wie ein Flickspengler, Angehöriger eines sehr nützlichen Gewerbes, das heute schon ausgestorben ist. Heute – im Zeitalter der Wegwerfgesellschaft – würde sich niemand mehr damit beschäftigen.

Nach unserem kurzen Besuch bei Herrn Gallus stiegen wir die drei Stockwerke zu unserer Wohnung hinauf. Die einzelnen Stationen wie Hochparterre, Mezzanin und dann die Stockwerke waren auf kunstvollen eisernen Tafeln zu erkennen. Aufzüge gab es um die Mitte des 20. Jahrhunderts und davor nur in großen, vornehmen Häusern, vor allem in Gebäuden der Inneren Stadt, die schon fast Palais ähnelten. In Bürgerhäusern wie in unserem ging man zu Fuß.

Aber auch bei den Häusern ohne Aufzug gab es große Unterschiede, selbst in der Gestaltung der Stiegenhäuser. Während diese in Bürgerhäusern großzügig, hell und mit sehr flachen Stiegen ausgestattet waren, waren diese in "Arbeiterhäusern" schmal, düster, mit einem Fenster auf einen Lichthof. Nicht zu vergessen: In solchen "Proletenhäuser", wie sie von den wohlhabenden Leuten abfällig bezeichnet wurden, waren die sogenannten Bassenas, die Brunnen und auch die Klosetts in jedem Stockwerk außerhalb der Wohnungen am Gang. Ein Klosett wurde meistens von mehreren Parteien benützt.

Nach dem Mezzanin oder Halbstock passierten wir den ersten Stock, die Beletage, wo meist der Hausherr und seine Familie wohnten. Betrachtet man ein altes Wohnhaus von außen, ist auch tatsächlich der erste Stock oft deutlich von den übrigen Stockwerken abgesetzt, mit Simsen, Stuck und Zierat reich geschmückt, während diese "überflüssigen" Bauelemente nach oben hin immer spärlicher werden.

Zuhause angekommen, machten wir uns gleich daran, einen geräumigen Küchenkasten aufzuräumen. Was wir da alles zu Tage beförderten, ließ mich erstaunen.

Zunächst stießen wir auf eine Waschrumpel, jenes ausgediente Gerät aus gewelltem Blech mit Holzrahmen, das das Waschen im Waschtrog erleichtern sollte. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, dass meine Mutter jemals ein solches Gerät verwendet hätte. Sie wusch auch nicht in der Waschküche im Keller, sondern in der Küche in unserer Wohnung.

Als Zweites entdeckten wir einen Mörser aus dickem Porzellan. Auf diesem weißen Mörser stand mit schwarzen deutschen Lettern "Aus großer Zeit". „Damit war die Zeit des Ersten Weltkrieges gemeint", erklärte meine Mutter. Meine Großmutter hatte ihren alten Mörser aus Bronze bei einer Altmetallsammlung während des Ersten Weltkrieges hergegeben und dafür jenen Mörser aus Porzellan samt Aufschrift bekommen. Ein Mörser – gleichgültig, ob aus Metall oder Porzellan – diente zur Zerkleinerung von Gewürzen oder Zucker. Letzteres machte man zu Zeit meiner Großeltern, als Zucker noch in Form von Zuckerhüten, in kegelförmigen Gebilden, eingewickelt in dunkelblauem Papier, verkauft wurde. Mörser werden heute noch in Apotheken zum Zerkleinern von Grundstoffen für manche Arzneien verwendet.

Im hintersten Winkel des alten Küchenkastens entdeckten wir eine Petroleumlampe, an deren Gebrauch ich selbst mich noch erinnern kann. In den unteren Teil aus dunklem Glas füllte man Petroleum. Ein Docht sog das Petroleum auf, das man dann entzündete. Die Flamme, die von einem bauchigen Glas geschützt war, konnte durch eine verstellbare Schraube reguliert werden. Dass das Licht einer solchen Petroleumlampe den Raum nur sehr spärlich erhellte, versteht sich von selbst. Ein etwas besseres Ergebnis erzielte man, wenn man die Petroleumlampe auf ein Podest stellte. Nicht selten musste mein Bruder, der während des Krieges die Volksschule besuchte, seine Aufgaben im Scheine solcher Lampen machen. In den letzten beiden Kriegsjahren, als auch unser Land Ziel von Luftangriffen wurde, legten oft Bombentreffer die Gas-, Wasser- und Elektroleitungen lahm. Da gehörten solche Petroleumlampen wieder zu den notwendigen Utensilien jedes Haushalts.

Dann fanden wir eine alte Küchenwaage mit zwei Waagschalen und einen dazugehörigen Satz von Gewichten aus Messing. Dass diese schon sehr alt waren, sah man sofort, da die Gewichtsangaben in Unzen ausgedrückt wurden. Eine Unze entspricht nicht ganz drei Deka. Dieser Gewichtssatz muss aus dem 19. Jahrhundert stammen, denn schon in Mutters Kindheit war es üblich, Kilogramm und Dekagramm zu sagen.

In der Lade jenes Küchenkastens fanden wir noch ein Brenneisen [Brennschere, Onduliereisen]. Wir hatten sogar zwei Modelle davon. Das eine war bestimmt, die Haare in Wellen zu legen, das andere war geeignet, Locken zu drehen. Diese Brenneisen wurden über der Gasflamme erhitzt. Nach einer kurzen Zeit des Abkühlens überprüfte meine Mutter die Wirkung an Hand eines Stücks Papier. Sengspuren durften darauf nicht erkennbar sein, sonst hätten auch die Haare Schaden erlitten. Solche Wellen oder Locken waren natürlich nur von kurzer Dauer. Die Brenneisen waren durch Jahrhunderte das einzige Mittel, um eine Lockenfülle ins Haar zu zaubern, ehe es noch Dauerwellen gab.

Informationen zum Artikel:

Veraltet oder gewählt ausgedrückt?

Verfasst von Ilse Sakouschegg

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 9. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.