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Mein Hochzeitstag

von Erika Schöffauer

Das Bild zeigt Frau Schöffauer im Brautkleid, sie hält ihren Brautstrauß in einer Hand, mit der anderen richtet sie ihren Brautkranz. Neben ihr der Vater, der jemanden begrüßt, den man am Foto nicht mehr sieht.
15. Juni 1946: Ich werde zum ersten Mal "Frau Schöffauer" gerufen.

 

Dieses Foto liebe ich besonders, und immer, wenn ich es anschaue, ist die damalige Situation klar vor mir.

Wir kommen von der Trauung in die Wohnung meiner Eltern, dem Haus, das noch Bombenschäden aufweist, mein Vater begrüßt einen Gast und ich will gerade die paar Stufen zur Haustüre hinaufgehen, da sagt Frau Gosler, die im Parterre wohnt: „Frau Schöffauer, Frau Schöffauer!“ Erst nach dem zweiten Zuruf war mir klar, dass ich damit gemeint bin. Ich hielt mit einer Hand meinen Brautkranz, der anscheinend verrutscht war, und mit der anderen den Brautstrauß. Am Foto sieht man auch das halbe Gesicht meiner  Kusine Ilse. Es war heiter und ein schöner Tag. Die Sonne schien, in allen Gärten blühten die Rosen, und die ganze Familie, nah und weiter weg, hatte dazu beigetragen, dass so kurz nach Kriegsende, wo die Lebensmittel sehr knapp waren, auf meiner Hochzeitstafel genug zu essen und zu trinken vorhanden war.

Im Jahr 1946 waren ja nicht nur die Lebensmittel knapp, sondern auch Kleider, Schuhe und eben all die Dinge des täglichen Lebens. Deshalb freute ich mich ganz besonders über das schöne Brautkleid aus weißer Seide, welches noch dazu mir selbst gehörte und nicht ausgeborgt war. Das verdankte ich der Mutter meines liebsten Jugendfreundes Sepp, die mir den Stoff dafür schenkte. Insgeheim hatte sie gehofft, dass ich ihre Schwiegertochter werden würde. Wir blieben aber bis zu ihrem Tod sehr verbunden.

Heute kaum vorstellbar ist auch der der Umstand, dass unsere kirchliche Trauung nicht in einer Kirche, sondern in der Wohnung des evangelischen Pfarrers in Klagenfurt in der Beethovenstraße stattgefunden hat und zwar deshalb, weil im Juni 1946 die damals einzige evangelische Kirche in Klagenfurt wegen Bombenschäden nicht zugänglich war.

So bald nach Kriegsende zu heiraten, war gar nicht so einfach, wenn es im Familienverband und festlich sein sollte.

All diese Gedanken, schöne und weniger gute, gehen mir durch den Kopf, wenn ich dieses Foto anschaue, das ich fast immer bei mir trage. Diese Zeit ist so gegenwärtig, als wären nicht über sechzig Jahre seither vergangen. Traurig stimmt mich beim Ansehen der alten Fotos, dass die meisten der mir lieb Gewesenen nicht mehr am Leben sind. Aber wie sollte es nach so vielen Jahren anders sein, und trotzdem bleibt ihr „Gewesen sein“ gegenwärtig.

Die Jugend vergeht, die Zeit verrinnt, nur die Erinnerung bleibt. Die bleibt so lange, wie jemand an die einst geliebten Menschen denkt.

Informationen zum Artikel:

Mein Hochzeitstag

Verfasst von Erika Schöffauer

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Kärnten, Unterkärnten, Klagenfurt
  • Zeit: Juni 1946

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