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Damensitz, Beitrag 1 von 1

Aufbruch und Ernüchterung III: Mobilität

von Josef Svec

In meiner Familie begann die „Motorisierung“ mit dem Ankauf eines alten Motorrades. Zur gleichen Zeit – ich war etwa zwölf Jahre alt – bekam ich ein Fahrrad, ein schwarzes Puch-„Waffenrad“, ohne Gangschaltung, aus dem Dorotheum.

junger Mann, ein Fahrrad schiebend, dahinter einstöckige Häuser

An die Marke des Motorrads kann ich mich nicht erinnern. Wohl aber an eine der ersten Ausfahrten, wo die „Bergfahrt“ bei der Hagenbachklamm bei St. Andrä für den Motor nicht zu schaffen war! Ich musste absteigen und anschieben. Später kaufte der Vater eine Beiwagenmaschine, Marke Matchless. Damit machten die Eltern viele Ausflüge und Urlaubsfahrten.

Den Führerschein A und B machte ich schon mit 18 Jahren, während meiner TGM-Zeit. Mein erstes Fahrzeug war ein übertragener Puch-Motorroller; da war ich 21 Jahre alt. In der Zeit begann man schon über den starken Autoverkehr und über Staus zu klagen. Autobahnen wurden gebaut und jedes Teilstück mit großem Tamtam eröffnet. Die beliebteste Radiosendung, neben vielleicht der „Radiofamilie“, war „Autofahrer unterwegs“. Sie fand täglich von 12 bis 13 Uhr, meistens im AEZ (Ausstellungs- und Einkaufszentrum) oder zu Gast bei einer Firma vor Publikum statt.

Rückblickend waren es goldene Autofahrerzeiten! Das Parken war noch kein richtiges Problem und das Fahren schon gar nicht. An wichtigen Kreuzungen wurde der Verkehr von Verkehrspolizisten per Hand geregelt. Da gab es einen besonders beliebten, dem man den Spitznamen „Karajan“ verpasste. Er „dirigierte“ den Verkehr mit ganzem Körpereinsatz! Es war üblich, sich um die Weihnachtszeit bei den Verkehrspolizisten mit meistens einer Flasche Wein zu bedanken. Der Karajan und seine Kollegen waren da an ihren Kreuzungsposten immer mit einer ganzen Batterie von Weinflaschen umgeben.

junger Mann auf Motorroller auf Gartenweg unter einem Baum

Mit meinem Motorroller war ich viel unterwegs. Helmpflicht gab es noch nicht. Oft fuhr ich im Anzug und mit Krawatte und Mädchen saßen im Damensitz auf dem Sozius, das heißt, sie saßen nicht rittlings sondern seitlich auf dem Motorroller. Das waren Zeiten!

Einmal unternahm ich mit einem ehemaligen Schulkollegen eine Schlachtenbummler-Fahrt nach Linz zum Spiel LASK gegen Austria. Bei Schönwetter fuhren wir hin, schauten uns vor dem Spiel Linz an und fuhren am nächsten Tag bei strömendem Regen zurück. Wahrscheinlich erinnere ich mich deshalb noch so genau daran.

Mein erstes Auto war ein übertragener Renault R8. Ich hatte es nicht lange. Als ich eine Wohnung bekam, habe ich es an einen Bürokollegen verkauft, weil ich jeden Schilling gebraucht habe. Ich ging sogar so viel wie möglich zu Fuß, um das Straßenbahngeld zu sparen.

Die Straßenbahnen meiner Kindheit hatten noch offene Zustiege und Auffangräume. Der Fahrer musste stehen und war nur durch eine Windschutzscheibe vom Wetter geschützt. Zu den Fahrgasträumen gab es Schiebetüren. Eine Garnitur bestand aus dem Triebwagen und ein oder zwei Beiwagen. Es fuhren also mit einer Straßenbahn ein Fahrer und bis zu drei (!) Schaffner. Nach und nach wurde modernisiert. Zuerst kamen „Amerikaner“, in den USA ausrangierte Triebwagen und befuhren die Linie 31. Später wurde der Fuhrpark immer wieder erneuert.

Einmal gab es auch bei uns die Diskussion, die Straßenbahnen, die im damals „modernen Verkehr“ als ein Hindernis gesehen wurden, abzuschaffen und durch Busse zu ersetzen. Städte, die das tatsächlich taten, bereuten es später. In Wien wurden nur wenige Linien durch Busse ersetzt und bald brach auch bei uns das U-Bahn-Zeitalter an.

Die alte Stadtbahn, die später in das U-Bahn-Netz eingebunden wurde, fuhr noch lange mit einem Fahrer und einem Zugbegleiter. Außerdem war in jeder Station ein Fahrdienstleiter, den man den „Säulenflüsterer“ nannte, weil er in ein Mikrofon an einer Säule seinen Abfertigungsspruch zu sagen hatte. Schaffner, Zugbegleiter und Säulenflüsterer wurden eingespart. Der Vandalismus stieg an. Seither gibt es mehr Kontrolleure, meist in Zivil, und in den Waggons und auf den Bahnsteigen etc. Video-Überwachungskameras.

Überall wird Personal, werden Menschen eingespart. Warum konnte man sich in wirtschaftlich viel schlechteren Zeiten mehr Personal leisten? Früher gab es keinen unbesetzten Bahnhof, heute, statt Menschen nur mehr Automaten. In Straßenbahnen gaben Schaffner Auskunft und sorgten für Ordnung. Sogar die einstige Institution, die Hausmeister, werden abgeschafft und durch Reinigungsdienste ersetzt.

Die Motorisierung nahm stetig zu, bald gab es in den Familien schon Zweitautos und die Städte mussten immer autogerechter gebaut und angepasst werden. Zweitwohnsitze wurden erstrebenswert, was den Autoverkehr weiter steigerte. Die zunächst geförderte Trennung von Wohn- und Arbeitsstätten stellte sich als Fehlplanung heraus, weil dadurch noch mehr gefahren werden musste. Jetzt wird versucht, den Autoverkehr einzudämmen und die Städte menschengerechter zu gestalten.

Zur Fortsetzung des Beitrags: Aufbruch und Ernüchterung IV: Sport

Informationen zum Artikel:

Aufbruch und Ernüchterung III: Mobilität

Verfasst von Josef Svec

Auf MSG publiziert im April 2014

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Österreich / Wien
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre, 2000er Jahre

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