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Donauwiese, Beitrag 1 von 1

Ein besonderes Vergnügen ...

von Erika Thiel

... war für uns Kinder das Gatschspielen, doch leider bot sich da, wo ich meine ersten Kinderjahre verbrachte, in einem Zinshaus im 20. Bezirk, nicht viel Gelegenheit zu diesem schöpferischen Spiel. In unserem Hof gab es nur eine kleine Stelle, die nicht gepflastert war, und auf diesem freien Stückchen Erde stand ein Fliederbusch – ein Stück grüne Natur in diesem trostlosen Geviert, in dem sich sonst nur noch eine Klopfstange, ein Holzstock zum Hacken des Brennholzes und drei Mistkübel befanden. Wir Kinder wussten genau, daß es verboten war, unter dem Strauch mit Schauferl und Küberl zu hantieren, doch manchmal versuchten wir es trotzdem, und wenn ein Kind vielleicht gar den Mut aufbrachte, in dem Küberl Wasser zu holen, so war dies das Höchste der Gefühle.

Wir waren begeistert von dem Berg, den wir errichtet hatten, verständigten unsere Mütter, die unser Werk bestaunten, und während sie daran dachten, einen großen Häfen Wasser für unsere abendliche Reinigung auf den Herd zu stellen, kam auch schon eine Schimpfkanonade von der Hausbesorgerin – über die Fratzen, die mit dreckigen Schuhen bei der Bassena pritscheln, und ihr Gezeter spornte auch die Hausfrau im ersten Stock an, ihr Fenster zu öffnen und die armen Mütter an die Hausordnung zu erinnern.

Also, schön brav alles wieder einebnen, den armen Flieder noch mit ein bisserl Wasser trösten, und dann ab, hinein in die Wohnung. Natürlich hatten wir noch keine Dusche, die meisten Leute hatten ein Lavoir – eine emaillierte Waschschüssel – auf einem Stockerl stehen. Die Reicheren besaßen ein sogenanntes "Lavoirstockerl" – ein Stockerl mit aufklappbarer Sitzfläche; darin stand diese Waschschüssel und darunter war ein Kübel abgestellt, in den man das verbrauchte Wasser abgießen konnte. Deckel zu – und es war wieder eine Sitzgelegenheit. Ganz modern!

Wir hatten in der Wohnung ein für meine damaligen Begriffe riesiges Lavoir, das in der Küche auf dem Boden stand und in dem ich jeden Abend, darin stehend, gereinigt wurde. Manchmal glaubte ich, meine Mutter hielt mich für einen Rauchfangkehrer, denn sie schrubbte mich, daß mir fast der Atem wegblieb. Auch sie selbst wusch sich in diesem provisorischen Bad, allerdings musste sie sich hineinknien, aber es ging ganz gut. Wie mein Vater, der 1,80 Meter groß war – zu dieser Zeit fast ein Riese –, mit diesem Badersatz zurechtkam, habe ich natürlich nie mitbekommen. Richtiger Badetag war jeden Samstag, da wurde der Waschtrog in die Küche gestellt, und einer nach dem anderen – ich sagte immer, vom Kleinsten bis zum Größten – genoß das Vollbad.

An besonders heißen Tagen wanderten wir am Nachmittag auf die Donauwiese, das Überschwemmungsgebiet, für die Brigittenauer und die Floridsdorfer ein beliebtes Freizeitangebot. Bei der Floridsdorferbrücke, nahe dem Hubertusdamm war ein Teich, der mir Fünfjährigen riesengroß vorkam, man nannte ihn das Zinkerbachl. Er hatte unterirdische Zuflüsse, und an vielen Stellen gab es plötzliche Vertiefungen, die zu schrecklichen Unfällen führten. Oft hörte ich Erwachsene sagen, daß schon wieder jemand ertrunken wäre. Trotzdem war das Ufer immer bevölkert, und vom Baby bis zur Großmama fühlten sich dort alle wohl.

Unsere Mütter hielten uns "Gschrappen" fest an der Hand, wenn wir weiter hineingehen wollten, doch uns interessierte das Gatschspielen ohnehin viel mehr. Es war herrlich: Man baute hohe Berge, und wenn jemand vorbeikam und durch die Wasserbewegung das Bauwerk zerstört wurde, so spritzte man den Mißratenen an oder mahnte ihn zur Vorsicht. Wenn dieser Störenfried aber zurückspritzte, begann der Kampf. Manchmal mussten sogar die Mütter eingreifen, um die kleinen Mädchen vor den bösen Buben zu schützen.

Diese Buberln waren aber gar nicht die Schlimmsten. Die ganz Bösen waren die großen Buben, die uns gar nicht beachteten. Die beschmierten sich total mit dem Morast und hatten sich eine richtige Rutsche gebaut, über die sie in rasanter Geschwindigkeit hinuntersausten und längere Zeit unter Wasser blieben. Da zitterten die Frauen, die rundum auf ihren Decken saßen, bis diese wilden Kerle lachend wieder auftauchten. Und kamen zufällig beritte Polizisten vorbei, die damals auf dem Überschwemmungsgebiet patrouillierten, baten sie diese, den Burschen diesen gefährlichen Spaß zu verbieten, weil es doch hier so viele Unfälle gäbe.

Die Polizisten ritten zum gegenüberliegenden Ufer, ermahnten die Burschen und ritten weiteren Abenteuern entgegen. Sobald sie verschwunden waren, ging das Getümmel wieder los, und wir Kleinen wurden ermahnt, diese ganz Schlimmen auf keinen Fall zu bewundern. So blieben wir brav auf der seichten Seite unseres Teiches – aber wie das Schicksal so unvorhergesehen spielt – sah ich mich nach ca. 35 Jahren an der Seite eines dieser gatschverschmierten, waghalsigen Buben, der dann für viele Jahre mein Lebenspartner wurde.

Oft haben wir darüber gelacht, daß wir schon als Kinder einen Sommer miteinander verbracht hatten.

Informationen zum Artikel:

Ein besonderes Vergnügen ...

Verfasst von Erika Thiel

Auf MSG publiziert im März 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 20. Bezirk, Zwischenbrücken / Wien, 21. Bezirk, Donau-Überschwemmungsgebiet
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

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