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"Der Spazier" und andere Schönheitsadressen

von Angela Tentschert

Die Parfümerie

Ein höchst interessantes Geschäft mit unzähligen Artikeln, die frühen weiblichen Bedarf in mir weckten. Aber wie sollte man ohne Taschengeld so tolle Dinge wie Nagellack oder Lippenstift erwerben? Manche Schulkolleginnen bekamen Taschengeld. Um an Taschengeld zu kommen, machte ich meinen Eltern den Vorschlag, die Schuhe zu putzen. Die Reaktion war vernichtend: Mein Vater meinte, es wäre sehr anständig von mir, wenn ich die Schuhe putzen wollte, allerdings Taschengeld gäbe es dafür keines. Er sah es als freiwilligen Beitrag, meiner Mutter zu helfen. Da war ich also sauber abgeblitzt. Mein Trost war, dass der Lippenstift Marke „Rouge Baiser“ nicht nur von einem infernalischem Rot, sondern auch kussecht war. Ich hätte ihn sowieso nirgends tragen können. Mit den knallroten Nagellacken von Cutex verhielt es sich ebenso.

Die Parfümerie von Herrn Frotzbacher, Ecke Rückertgasse, hatte noch einiges Unerschwingliche zu bieten. Da gab es Parfümfläschchen, gebaucht, der Schraubverschluss in der Form eines Lampenschirms, der je nach Duft grün, lila oder rosa war. Später gesellte sich die schwarze Katze aus der noch schwarz-weißen TV-Werbung dazu. „Chat Noir, Eau de Cologne, parfümée!“, sagte das Model, und alle Damen benutzten den Duft.

Haarshampoo gab es nur in Pulverform, gewaschen wurde nur alle zwei bis drei Wochen. In einem violetten Säckchen mit der Sphinx als Markenzeichen, konnte man sogar getöntes Shampoo für blondes, braunes oder schwarzes Haar kaufen.

Haare waschen war überhaupt eine Prozedur. Man musste heißes Wasser in einem Topf mit kaltem Wasser mischen, dann wurde mit einem kleinen Häferl Wasser rausgeschöpft und zum Schwemmen über den Kopf geleert. Es dauerte lange, bis das Shampoo ausgeschwemmt war, dazwischen musste man das Lavoir einige Male leeren – eine mühsame Angelegenheit.

Speickseife – ein fast weißer Seifenwürfel, mit kleinen lila, rosa und grünen Würfeln eingegossen. Meine Nachbarin verwendete eine solche. Ich hätte auch gerne so eine besessen, aber sicher war sie zu teuer.

Für die Zahnpflege benutzte man Zahnpulver. „Dr. Heider’s Zahnpulver“ mit Pfefferminzgeschmack gab es in ovalen Pappschachteln in Rot und Blau. Des Öfteren, wenn ich übermütig war, befeuchtete ich meinen Zeigefinger, tunkte in das Pulver ein und aß es. Damit konnte ich meine Mutter ärgern. Eigenartigerweise erinnere ich mich nicht daran, wann die Zahnpaste aufgekommen ist.

Der Spazier

Das war der Name unseres Friseurs, der praktischerweise sein Geschäft im Hause hatte. Das machte sich zu den Festtagen bezahlt. Man klopfte an der Hintertür und fragte an, wann man denn kommen könnte. Für Hausbewohner gab es fast immer noch einen Termin.

Vor meiner Erstkommunion hatte ich, wie alle Mädchen in diesem Alter, den Wunsch, keine Zöpfe mehr tragen zu müssen. Auf dem Gemeinschaftsfoto vor der Kirche hatten schon einige kurzes Haar, sogar mit Locken, und außerdem weiße Kleider mit Gitter-Petticoat – der neueste Schrei. Ich hatte keines von beiden. Mein Kleid war gebraucht, und von meinem Kopf hingen noch immer Zöpfe.

Einige Tage nach der Kommunion ging meine Mutter endlich mit mir in die Wilhelminenstraße zu der Konkurrenz vom Spazier (sicher war es dort günstiger). Nach den ersten Schnitten gab es kein Zurück. Damit das glatte Haar etwas Pepp erhielt, wurden die Haarspitzen mit einer Brennschere gebogen.

Die Handhabung der Brennschere war etwa folgendermaßen: Aus der Mauer ragte ein schwenkbares Gasrohr, an dem feine Düsen angebracht waren. Nach Öffnung des Gashahns und Zünden wurde die Schere auf die Gabel gelegt und erhitzt. Nach einer gewissen Zeit – Friseure hatten das im Gefühl – wurde die Schere zwecks Erreichen der richtigen Temperatur geschwenkt, die Haare eingeklemmt und die Spitzen nach innen eingedreht. Es kam schon mal vor, dass die Schere noch zu heiß war. Dann roch es nach verbranntem Horn. Fertig.

Die Betrachtung des Gesamtwerks war ernüchternd. Am liebsten hätte ich losgeheult, denn man hatte mich mit einem Reindlhaarschnitt verunstaltet. Die Haare waren bis über die Ohren gekürzt. Das hatte ich nun davon.

Auch als Lehrling wichen meine Vorstellungen von einer schicken Frisur vom wöchentlichen Resultat weit ab. Ich suchte mir im Frisurenheft eine Kurzhaarfrisur aus. Die Fachfrau meinte, diese großen, haltbaren Locken könnte ich nur mit einer Dauerwelle erhalten. (Jeder, der in den frühen Sechzigerjahren eine Dauerwelle hatte, weiß, welch starke Krause man erhielt, ähnlich dem später modernen Afrolook.) Nur durch das Eindrehen auf die größten Lockenwickler verschwand die Krause für zwei Tage. Zum nächsten Wochenende war wieder Friseurbesuch angesagt. So wurde ein Großteil meines Lehrlingsentgelts in die Kasse des Friseurs transferiert.

Aber wieder zurück zum Spazier, der mir meistens die Reindlschnitte verpasste. Während ich wartete, beobachtete ich das geschäftige Treiben. Da war die Frau vom Spazier, die für Dauerwellen und Färben zuständig war. Am Samstag unterstützte sie meist die Schwägerin, denn der Herr Spazier hatte genug mit den Herrenhaarschnitten und Rasuren zu tun.

Für die Nassrasur musste die Rasierseife mit dem Pinsel aufgeschäumt werden, bevor man sie auf das Barthaar auftragen konnte. Dann erfolgte das Schärfen des Rasiermessers mit dem Lederriemen, bevor Bart und Seife damit entfernt wurden. Passierte es einmal, dass die scharfe Klinge die Haut ritzte, verwendete man Alaunstein zum Blutstillen und Desinfizieren, danach Puder.

Die Spaziers waren alle so um die 1,80 Meter groß und hatten eine erwachsene Tochter, die selten anwesend war. Irgendwann hörte ich, sie sei Miss Austria geworden.

Eines Tages gab es eine sensationelle Neuerung – Haarshampoo flüssig im durchsichtigen Polsterl. Gelb mit Ei und grün mit Kräutern. Mit 2,20. – Schilling etwas teurer als Haarpulver. Die Lockenwickler sahen auch ganz anders als jetzt aus. Sie waren aus Metall, hatten eine bewegliche Klappe, in der man die Haarspitzen festhielt und die Strähnen einrollte. War die Trockenhaube zu heiß eingestellt, wurden die Wickler höllisch heiß, manchmal auch die Kopfhaut.

Als ich vor einigen Tagen mit dem Bus an unserem ehemaligen Wohnhaus vorbeifuhr, sah ich, dass „der Spazier“ immer noch ein Friseurgeschäft war.

Nachbarn

Auf unserem Gang wohnte Frau K., eine Witwe mit drei erwachsenen Töchtern. Samstag war in der Nachbarwohnung Kosmetiktag. Ich hockte mittendrin und beobachtete das Geschehen. Da wurden Haare gewaschen, auf Lockenwickler gedreht, Gesichtsmasken aus natürlichen Mitteln (mit Eiern, Zitronen usw.) gemacht, am Schluss die Nägel mit Cutex-Nagellack in leuchtendem Rot lackiert und mit Augenbrauenstift und Lippenstift das Gesicht bearbeitet.

Ich war gerne „drüben“. Manchmal gab es eine halbe Scheibe Brot vom Laib und Schmalz drauf. Zu gerne hätte ich mal eine ganze Scheibe gehabt, weil diese so schön groß war (bei uns gab es nur Brot vom Wecken). Aber ich hätte es nie gewagt, um eine solche zu bitten.

Wenn das Geld nicht bis Monatsende ausreichte, ging man zu den Nachbarn „ausborgen“. Das funktionierte folgendermaßen: Man brachte ein Häferl mit der Bitte mit, es zum Beispiel mit Zucker, Mehl, Brösel etc. zu füllen. Nach Monatsbeginn wurde die Leihgabe mit demselben Maß zurückgebracht. Keiner im Haus hatte zu viel. Das war anscheinend das Geheimnis der Nachbarschaftshilfe. Neid kam erst später auf, als die Wirtschaft einen gewaltigen Aufschwung bekam und man sich etwas „leisten“ konnte.

Man nahm sich auch Zeit zum Tratschen, Fernsehen gab es zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, und sehr oft kam es vor, dass Frau K. von einer ihrer Töchter geholt wurde, weil der Kaffee schon kalt war und die Mama noch immer mit dem Zuckerhäferl bei uns tratschte. Fazit: Beide blieben, und die Unterhaltung ging weiter. Unter Umständen kam dann noch die zweite Tochter, um Mutter und Schwester zu holen. „Also, jetzt müssen wir wirklich gehen!“

Bis dann wirklich gegangen wurde, verging noch eine ganze Weile.

Informationen zum Artikel:

"Der Spazier" und andere Schönheitsadressen

Verfasst von Angela Tentschert

Auf MSG publiziert im April 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 17. Bezirk
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Ausschnitt aus einem umfangreicheren Manuskript der Autorin mit Kindheits- und Jugenderinnerungen wieder.

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