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Dolus, Beitrag 1 von 1

Der Prater und die Schuhpasta

von Erika Thiel

Was das miteinander zu tun hat? Viel, sehr viel für uns Kinder. Gingen wir doch wie alle Kinder gerne in den Prater. Das Geld war knapp, und wir mußten oft ein Jahr oder länger warten, um in den Genuß eines Praterbesuches zu kommen.

Abbildung einer metallenen Werbemarke der Fa. Dolus
Dolus-Werbemarke aus Eisenblech, 24,5mm x 20,5mm; Foto: Erich Heisler

Da hatte eine Schuhpastafirma einen guten Einfall. Sie legte auf den Boden ihrer Schuhpastadosen eine Metallmarke, und diese Marken der Firma DOLUS konnte man an bestimmten Wochentagen bei Prater-Ringelspielen, die mit einer DOLUS-Plakette gekennzeichnet waren, verwenden. So hieß es zum Beispiel bei kleineren Ringelspielen: 20 Groschen oder 10 Groschen und 2 Marken, bei größeren etwa 50 Groschen oder 20 Groschen und 5 Marken usw. Dies war ein Grund, immer gut geputzte Schuhe zu tragen, denn je schöner die Schuhe glänzten, desto mehr Marken sammelten sich zu Hause an, desto eher stand ein Ausflug in den Wurstelprater auf dem Programm.

Es sammelten meine Mutter, meine Großmutter, meine Tanten ganz fleißig, und wenn eine bestimmte Anzahl von Marken vorhanden war, wurde das Datum für den großen Tag fixiert, und meine Großmutter kaufte noch zwei oder fünf Dosen Schuhpasta auf Vorrat und holte mit Zündhölzern die Marken vom Grund der Dosen heraus, damit wir mehr „Startkapital“ hätten. Und dann ging es los ins herrliche Vergnügen.

Großmutter, Tante, meine Mutter, meine Cousine und ich wanderten über die Leystraße, Innstraße, Dresdner- und Nordbahnstraße zum Praterstern. Als wir dort das Riesenrad sahen, begann das Herz vor Erwartung zu klopfen, und dann ging es los: Wieviel Geld ist da? Wieviele Dolus-Marken? Wie verwenden wir sie am günstigsten? Es war einfach aufregend zu entscheiden, ob wir viermal etwas ganz Bescheidenes oder doch lieber zweimal etwas Größeres, Imposanteres machen wollen.

Wir bedauerten sehr, daß nicht alle Unternehmungen diese Markenbegünstigung anboten, wobei wir an eine Fahrt beim Calafati oder gar mit dem Riesenrad gar nicht dachten; das war unerreichbar, das wußten wir. Dann tat uns der arme Watschenmann, der niemandem etwas zuleide tat und trotzdem geschlagen wurde, von Herzen leid, und anschließend bewunderten wir die „Süße Fee“, die, ein Tablett mit Milka-Schokoladen balancierend, verwahrt unter Glas, auf einem Automaten stand.

Als dann endlich, nach längerem Warten, jemand den Kaufpreis einwarf und die Tafel Schokolade nicht von ihrem Tablett rutschte, sondern einfach unten aus dem Automatenschlitz herausfiel, waren wie Kinder sehr enttäuscht.

Genußvoll war es, als wir uns im Automatenbüfett ein Sandwich aussuchen durften (Zitronentee hatte unsere Großmutter in einer Flasche mit), und wenn wie uns dann noch einen Luftballon auf den Nachhauseweg mitnehmen durften, dann war das Glück vollkommen. Müde ging es dann wieder zurück über den Praterstern, die Nordbahnstraße, die Dresdnerstraße ...

Informationen zum Artikel:

Der Prater und die Schuhpasta

Verfasst von Erika Thiel

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk, Prater / Wien, 20. Bezirk
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

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