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Meine Wache mit Großvater

von Inge Angerlehner

Wie viele Wachen bin ich schon gegangen? Wie viele davon überstand ich nur, weil ich mir Mut zusprach. Manche ließen mich gegen den Schlaf kämpfen, wenn meine bleiernen Lider mir beinahe die Augen zudrückten.

Auch die Nächte sind unvergessen, in denen die sturmgepeitschte See mir ihr salziges Nass ins Gesicht knallte. Stunden, in denen ich versuchte zu beten. Aber wohin sollte ich meine Ängste schicken? Zu einem Gott an den ich nicht glauben konnte?

Meine ALFIN hebt und senkt sich, die weißen Passatsegel, gebläht vom achterlichen Wind, ziehen uns nach Westen. Das Mondlicht findet sich in jeder Kräuselung, in jeder Welle der See wieder.

Nach einem Rundblick, der mir beweist, dass wir einsam und alleine inmitten des Ozeans scheinbar schweben, strecke ich mich wieder aus im Cockpit und versuche mich zu erinnern, warum mir dieses Dahingleiten mit dem Blick auf einen unvergleichlichen Sternenhimmel so vertraut ist.

Wie selbstverständlich verschränke ich die Arme unter meinem Kopf. Aus den weißen Segeln wird der weißhaarige Kopf meines Großvaters, mit dem Igel-Haarschnitt …

Ich bin ein kleines Mädchen und liege im hölzernen Leiterwagen. Die ebenso hölzernen, mit Eisen beschlagenen Räder rattern monoton auf dem Asphalt des Fahrradstreifens. Ich wünsche mich träumend auf einen der unzähligen Sterne dieses nächtlichen Himmels über mir. Oder zumindest, immer so dahinrollen zu können, der Wirklichkeit entrückt.

Großvater zieht mich hinter sich her. Sein ruhiger, fester Schritt ist Geborgenheit. Alles an ihm ist Sicherheit, Vertrauen. Wenn es nicht so unpassend wäre, hier auf offener See, würde ich sagen, er ist mein Fels in der Brandung.

Großvater ist mein Vaterersatz, für den Vater, den der Krieg mir genommen hat, als ich nicht ganz zwei Jahre alt war. Es ist, als teile Großvater mit mir diese Wache. Er ist so präsent wie nie zuvor.

Großvater Joseph Königsberger ist in Haag am Hausruck Nr. 90 geboren, am 11. 2. 1881.

Seine um zwei Jahre ältere Schwester erbte das Geschäftshaus und mein Großvater wurde "aussizoit" (hinausgezahlt), wie man das damals nannte. Mit seiner baren Erbschaft ging er auf die Suche nach einer passenden Liegenschaft, als Grundlage für seine eigene zukünftige Existenz.

In Marchtrenk verkaufte Maria Haidinger ihr Geschäftshaus. Und die zwei wurden handelseins.

Maria Haidinger lebte gemeinsam mit ihrer Nichte Elisabeth Beaupré, die für Kost und Logis der „Frau Tant'“ zur Hand ging, schon seit der Schule.

Im Kaufvertrag hatte die „Frau Tant'“ mit einer Klausel dafür gesorgt, dass der ledige Mann aus Haag am Hausruck nicht nur das Haus, sondern auch sie mit ihrer Nichte Elisabeth auf Lebenszeit übernehmen musste.

Dem Joseph – klug und sparsam – gefiel die Elisabeth. Und wenn ich die beiden Frauen schon auf Lebenszeit durchfüttern muss, nehme ich die jüngere der beiden zur Frau, dachte er wohl, und machte aus der Not eine Tugend! Die Elisabeth wurde dadurch schlagartig vom Dienstmädchen in den Ehe- und Hausfrauenstand erhoben. 1912 heirateten die zwei. Die „Frau Tant’“ starb 1913.

Bald kam der Krieg, in den auch Großvater einberufen wurde. Mir erzählte er von seinem Einsatz mit Pferden, der ihm trotz der Kriegsgefahren anscheinend viel Freude machte. Anschließend machte er Dienst im Kriegsgefangenenlager in Marchtrenk. Diesen Krieg hat Großvater unverletzt überstanden.

1919 gebar ihm seine Elisabeth im Krankenhaus in Linz eine Tochter. Großmutter war mit ihren 37 Jahren eine Spätgebärende mit den damaligen Risiken. Es ging ihr auch sehr schlecht bei der Entbindung. Dieses Mädchen – meine Mutter – tauften sie ebenfalls auf den Namen Elisabeth.

Großmutter und Großvater führten gemeinsam das Lebensmittelgeschäft der Tante weiter.

Kurz vor dem großen Börsencrash 1929 hat Großvater das Strohdach des Hauses gegen ein „Schieferdach“ ersetzen lassen, und einen kleineren Anbau gemacht – mit zwei Wohneinheiten, die ihm wiederum durch Vermietung eine Einnahmequelle erschlossen. Er erzählte immer wieder: Um das Geld der Dacherneuerung und des Anbaues, hätte er nach der Inflation nur mehr einen Laib Brot bekommen!

Auf einem der alten Fotos ist zu erkennen, dass mein Großvater in seiner Jugend das Zitherspielen erlernt hatte. Er ging auch viel „hausieren“, wie man das damals nannte. Er packte einen Rucksack voll mit Ware und ging zu Fuß weite Strecken, um das Mitgebrachte zu verkaufen. Seine erlernte Schneiderei übte er beruflich nicht mehr aus.

Ich kann mich jedoch noch gut daran erinnern, dass er in der Familie für Flickarbeiten oder für das Nähen von einfachen Dingen – wie Schürzen, Schurze oder Tisch- und Bettwäsche – zuständig war. Sein Werkzeug, eine alte Singer-Nähmaschine, hat er auch aus Haag mitgebracht.

Ich weiß noch, dass er wochentags nie Socken, sondern immer „Fußfetzen“ trug. Das waren etwas größere Stofftaschentücher aus weichem, feinem Tuch, in die er sorgfältig, möglichst faltenfrei seine nackten Füße wickelte und diese dann in hohe, schwarze Lederschnürschuhe steckte. Diese Lederschuhe, die ihn wahrlich eine Unmenge von Kilometern durchs Leben trugen, wurden höchstens zum Schuster gebracht für einen „Doppler“, durch neue ersetzt wurden sie nie!

So weit ich mich an Großvater zurückerinnern kann, hat er stets dieselben Anzüge oder Hosen-Rock-Kombinationen getragen. Er ist immer ein knochiger, hagerer, groß gewachsener Mann gewesen, mit einer großen Hakennase. Sein volles, dichtes Haupthaar ist ihm bis zu seinem Tode, wenn auch schlohweiß, erhalten geblieben. Auch seinen Haarschnitt behielt er bei, Stoppeln, die, sobald sie sich an die Kopfhaut zu schmiegen begannen, rigoros wieder zurückgeschnitten wurden.

Für den aktiven Einsatz im Zweiten Weltkrieg war Großvater schon zu alt. Er hat irgendwann (ob noch vor dem Zweiten Weltkrieg oder während des Krieges?) bei der Firma Becker in Marchtrenk zu arbeiten begonnen. Es muss eine ungesunde, gefährliche Tätigkeit gewesen sein – am Reißwolf.

Großvater war Pfeifenraucher. Er pflanzte seinen Tabak selbst. Damals war das noch erlaubt. Ich bewunderte ihn, ob der Liebe und Geduld mit der er pflanzte, erntete, die Blätter zum Trocknen auffädelte, sie dann fein schnitt und schließlich noch auf dem Kachelofen zum Nachtrocknen ausbreitete. Es roch stark, aber angenehm aromatisch im ganzen Haus.

Großvater war ein sehr fleißiger Mann. Auch noch nach seiner Pensionierung ging er jeden Freitag zur Familie Becker, um die Teppiche des ganzen Hauses zu klopfen. Nebenbei betreute er den Rayon Marchtrenk und Umgebung für die Bundesländer-Versicherung in der Sparte „Sterbeversicherung“. Das heißt nicht, dass man sich gegen das Sterben selbst versichern konnte, sondern nur gegen die dadurch verursachten Kosten!

Einmal im Quartal marschierte er die Adressen seiner Klienten ab und kassierte den Beitrag. Dabei ist es geschehen, dass ein Hund ihn kräftig in die Wade biss. So kräftig, dass ich vom Schmerzengeld das lang und heiß ersehnte Fahrrad bekam, mein erstes. Ein blaues mit Dreigang! Damals war ich elf Jahre alt.

Nebenbei war Großvater auch noch Mesner und Totengräber. Als 1941 der Turm der katholischen Marchtrenker Kirche abbrannte, beschuldigte Pfarrer Höltinger meinen Großvater der fahrlässigen Brandstiftung, weil er abends angeblich vergessen hätte, einen Lichtschalter abzudrehen. Großvater kam sogar in Untersuchungshaft, es konnte ihm jedoch keine Schuld nachgewiesen werden.

Seit damals hat Großvater die Kirche nie mehr betreten, und über den Pfarrer zu reden wagte in der Familie keiner mehr – verständlich!

Wie schwer das händische Ausheben der Gräber gewesen ist, besonders in den damals noch strengen Wintern, bei dem steinhart gefrorenen Boden und ohne maschinelle Hilfe, kann ich nur erahnen.

Rad gefahren ist in meiner Familie niemand. Großvater erledigte alles zu Fuß, auch wenn er unter sehr starkem Asthma litt. Heute noch höre ich das Pfeifen seiner Bronchien, und sehe sein Gesicht vor mir, das blau anlief, wenn es ihm besonders schlecht ging. Ob der Staub beim jahrelangen Arbeiten am Reißwolf, oder seine Pfeife daran schuld war, ist nicht bekannt. Er klagte nie, ging auch nie zu einem Arzt. Er nahm sein Leiden als gegeben und unabwendbar und ertrug es mit Geduld und Würde.

Sein Lieblingsplatz im Winter war die Kohlenkiste, die gleich neben dem Herd stand. Er war im Alter sehr mager geworden und fror häufig, dann wärmte er sich mit der Pfeife und einem Schnapserl. „Lisi, bring mir noch eins!“, sagte er leise verschwörerisch zu meiner Mutter und blinzelte verschmitzt!

Gerne saß er auch auf dem Diwan, wobei er immer gelesen hat, und das stundenlang. Ich kann mich erinnern, dass ich als kleines Kind auf seinem Schoß sitzen durfte und er mir Geschichten vorlas. Wenn er müde wurde, begannen seine Knie zu zittern, dann setzte er mich ab.

Manchmal machte er auch ein Mittagsschlaferl in seinem Schlafzimmer gleich neben der Winterküche. Die beiden Fenster darin erlaubten den Blick in den Nachbarsgarten. An der gegenüberliegenden Wand hingen zwei sehr große gerahmte Fotos seiner Eltern. Solange ich denken kann, haben Oma und Opa getrennt geschlafen.

Zur Weihnachtszeit wurde in diesem Zimmer ein Kachelofen angeheizt, der Christbaum aufgestellt und die Bescherung vorbereitet. Ein großer mit Wasser gefüllter „Spritzkrug“ (heute Gießkanne) stand immer neben dem Weihnachtsbaum, als Feuerversicherung. Den restlichen Winter war der Raum so kalt, dass Opa über der Tuchent noch einige Decken brauchte, um nicht zu frieren.

Gegen den Schock beim Zubettgehen, wärmte er sich einen „Stein“ von der Größe eines Kinderkopfes im Backrohr des Küchenofens. Diesen Stein wickelte er dann in eine kleine Decke und wärmte damit sein Bett. Es war sicher ein besonderer Stein, denn er hatte die Farbe einer Kaffeebohne und war ganz glatt, aber nicht rund. Der Rest der Familie bediente sich der damals üblichen Wärmeflaschen aus Messing, Kupfer oder Weißblech.

Großvaters Frühstück bestand aus einer Schüssel Milchkaffee. Einer Mischung aus Malz- und Feigenkaffee. Da hinein schnipselte er sich aus Schwarzbrot kleine Bröckchen. Manchmal bestellte er sich bei der Lisi die „Kaffeesuppe“ auch als Nachtmahl.

Sobald die ersten Strahlen der Frühlingssonne die hintere Hauswand wärmten, setzte Großvater sich hinaus und nieste pausenlos. Großmutter schimpfte dann immer: „Josssef, du wirst krank!“ Ihr „Josssef“ klang messerscharf mit drei „s“!

„Josssef“ pflegte ihre Mahnung alle Jahre zu ignorieren, um alle Jahre regelmäßig doch krank zu werden, bedingt durch sein Asthma sogar meist schwer krank.

Den Sommer verbrachte er hauptsächlich im Garten. Das Gemüse zog die Großmutter. Der Großvater füllte abends die Spritzkrüge am alten Ziehbrunnen, trug sie zu den Beeten zu Großmutter. Die ließ weder ihren „Josssef“ noch die Lisi noch später mich an diese Tätigkeit.

eine ältere Frau mit Kleinkind auf dem Arm, daneben ein älterer Mann im Liegestuhl im Garten
Meine Großeltern mit Enkelkind Alfred (1958)

Was Großvater allerdings täglich machte, war das Mähen des Hasenfutters. Von den Hasen hatten wir immer sehr viele. Schon als Kind war ich damit vertraut, dass ein Hase ein „Menschenfutter“ ist. Erschlagen und ausgezogen mutierte er am Sonntag im Backrohr des Kachelküchenofens zum Mittagessen. Auch das Kitzerl, das im Frühling in der Zeit um Ostern blökend herumhopste, hopste plötzlich nicht mehr, dafür aber gab es ganz delikate panierte Fleischstückchen zu essen.

Wahrscheinlich war dies immer so selbstverständlich für mich, dass ich nie zur Vegetarierin wurde.

Großvater habe ich als absolut bescheidenen, beinahe schon asketischen Menschen in Erinnerung, der für sich keine Ansprüche stellte. Es war für ihn selbstverständlich, dass das verdiente Geld und später seine Pension seiner Familie gehörte. Er ging in kein Wirtshaus und auch sonst mied er Gesellschaften.

Sogar bei unseren Busausflügen, einmal im Jahr mit dem Reisebüro Raml, waren wir Frauen allein. Großvater schien den Tag allein zu Hause genossen zu haben.

Diese Ausflüge waren die Höhepunkte eines jeden Jahres. Wir fuhren nach Gmunden, zum Königsee, zum Wolfgangsee und zum „Nandl“. Am See mieden wir die Ufernähe – es könnte ja einer von uns Nichtschwimmern ins Wasser fallen, daher sind wir auch nie mit einem Ausflugsdampfer gefahren. Großmutter hielt schmerzlich verkrampft meine Hand fest und mahnte meine Mutter ständig: „Lisi, geh nicht zu nahe ans Wasser!“

Einmal als wir in Ebensee waren, wollten wir auf den Feuerkogel mit der Gondelbahn. Wir hatten sogar schon die Karten gekauft. Nach langem Zögern gab meine Mutter die Karten wieder zurück, sie getrauten sich nicht! Zur Aschinger-Nandl gingen wir neben der Zahnradbahn zu Fuß auf die Schafbergalm. Ich bezweifle, dass dieser schmale Steig weniger gefährlich war!

Das „Nandl“ war während der Kriegsjahre beim Nachbarn Fischer als Kuhmagd beschäftigt. Weil es ihr – wie häufig in früheren Zeiten – als Magd dort sehr schlecht ging, freundete sie sich mit meiner Mutter an. ’s Nandl bekam fast zeitgleich mit meiner Mutter ein Kind – ein lediges, einen Jungen. Mit dem ging sie später für einige Jahre nach England.

Als sie wieder in ihre Heimat – auf den Schafberg – zurückkam, wurde sie eine gefürchtete und auch berüchtigte Wilderin. Sie war bis zu ihrem Tode eine Legende, und wir besuchten uns gegenseitig jährlich, bis sie starb.

Überall wo wir hinkamen, wurde ein Erinnerungsstück gekauft. Ein Häferl, ein Teller, ein Glas.

Vor dem Haus, an der Straßenfront, südseitig, hatten wir Weinreben, deren Pflege und Ernte ebenfalls Großmutters Ressort war. Doch zum Schneiden der Reben musste der Großvater auf die Leiter! Herrlich schmeckten die blauen Weintrauben, die immer mehr Waschdurchgänge benötigten vor dem Verzehr, je stärker der Autoverkehr durch Marchtrenk wurde.

Die lauen Sommerabende verbrachten wir auch vor dem Haus auf der Straße, der damaligen Bundesstraße 1. Wenn alle Arbeit getan war, holten wir vom Garten die Gartensessel, stellten sie vor das Haus und saßen dort bis zum Einbruch der Dunkelheit, manchmal auch länger.

Hin und wieder schickte man mich mit einem sehr schönen grünen Krug zum benachbarten Gasthaus Fischer um eine Halbe Bier zu holen. Diese „Halbe“ wurde auf alle drei aufgeteilt, Großmutter, Großvater und meine Mutter.

Da gab’s Leute, die vorbeikamen und mit uns tratschten, oder wir warteten auf die wenigen vorbeikommenden Autos, genossen einfach den Abend und das beschauliche Landleben. Meistens kam mit der Finsternis auch ein Gewitter.

Wenn die Schwalben knapp über den warmen Asphalt flogen, um Mücken zu fangen, beobachtete Großvater, wo die ersten Blitze leuchteten und beurteilte vorhersehend, ob das Gewitter stark werden würde. Ein Gewitter „drenter der Traun“ wird stark, ein Gewitter aus der Welser Gegend kommend („herenter der Traun“) wird nicht gefährlich. Trotzdem eilte Großmutter ins Schlafzimmer, holte aus dem Kasten das „eiserne Kofferl“, in dem alle Papiere, Urkunden und das Geld aufbewahrt wurden. „Wenn’s einschlagt, hamma alles beinand!“

Kam das Gewitter nachts, standen wir alle auf, zogen uns komplett an, saßen im Vorhaus und fürchteten uns, ich besonders. Ich saß immer auf Großvaters Schoß. Oft lief Großmutter nach einem gewaltigen Donnerschlag hinaus, um zu sehen, ob das Dach brannte. Wenn es ganz arg regnete, rann ein Bächlein unter der hinteren Haustüre in das Vorhaus – was Großmutter und Mutter immer ordentlich auf Trab hielt.

Großmutter behielt das Zepter in der Hand. Sie erzog ihre Tochter Lisi streng, schickte sie nach Linz in die Hauptschule, was damals schon etwas Besonderes war. Anschließend machte die Lisi, meine Mutter, im elterlichen Geschäft die Lehre zur Verkäuferin.

Vor dem Krieg stand im „kleinen Zimmerl“ hinter dem Schlafzimmer ein Klavier. Die Elisabeth (meine Mutter) lernte auch Orgel spielen. Sie spielte sogar in der Kirche. Aber ich kann mich an kein Klavier mehr erinnern. Meine Mutter sprach nie darüber, ich glaube, das Spielen machte ihr keinen Spaß. Wenn ich nicht ein Foto mit der Mutter am Klavier sitzend gefunden hätte, hätte ich das nie erfahren.

Eigentlich schade, denn ein Musikinstrument spielen zu lernen, war ein Kindheitstraum von mir. Aber sie hat oft und viel gesungen mit mir. Sie hat mir wenigstens ihre gute Singstimme vererbt.

Das Singen führte meine Mutter mit der Marchtrenker „Liedertafel“ zum Sängerfest nach Breslau. Ein Horrorerlebnis für meine Mutter, die sehr unselbständig war. Damals war sie sicherlich schon mindestens 19 Jahre alt.

Hochzeitsfoto im Zweiten Weltkrieg, Brautpaar mit zwei Elternpaaren
Hochzeit meiner Eltern (1940); rechts meine Großeltern mütterlicherseits

Im Zweiten Weltkrieg waren in Wels am Flughafen deutsche Soldaten stationiert. Irgendwie und irgendwann sind Elisabeth Königsberger und Jakob Wilhelm Markl aus Burglengenfeld bei Regensburg sich begegnet und sicherlich auch näher gekommen, denn im Mai 1940 heirateten die beiden, und am 9. 7. 1940 kam ich zur Welt!

Durch den frühen Tod meines Vaters, 1942, blieben meine Mutter und ich bei meinen Großeltern. Mein Vater war Funker auf einer HE 111. Die Maschine wurde beim 13. Feindflug über England abgeschossen und alle fünf Soldaten sind ums Leben gekommen. Mein Vater ist in Brighton begraben.

Irgendwann führte meine Mutter das elterliche Geschäft, später überschrieben meine Großeltern ihr auch das Haus.

Bald nachdem 1960 meine Tochter Sabina geboren wurde, kränkelte der Großvater – er war 80 Jahre alt. Er ging nach dem Mittagessen zu Bett und stand dann oft nicht mehr auf, blieb bis zum nächsten Morgen. Er aß nur mehr ganz wenig. Eines Tages stand er überhaupt nicht mehr auf.

Dr. Holzhey sen. kam täglich, um nach Großvater zu sehen, er war unser Nachbar. Meine Mutter übernahm die Nachtwachen, und ich war tagsüber für Großvater, den kleinen Laden und den Haushalt zuständig. Es war klar, dass Opas Ende nahte. Niemand sprach darüber, auch Opa hatte keine Worte.

Mit der Kirche hat er sich noch ausgesöhnt, nicht aber mit dem Pfarrer.

So ist er am 16. 3. 1961 am späten Abend ruhig eingeschlafen. Ich höre heute noch seinen allerletzten Atemzug!

Der verlässlichste, bescheidenste, selbstloseste Mensch, dem ich je begegnete, ist gegangen – so wie er gelebt hatte: ruhig, unspektakulär und irgendwie sehr einsam.

Zu diesem Zeitpunkt hat der Tod mich noch sehr erschreckt. Auch die Tante Poldi (die jüngere Schwester meiner Großmutter) war dabei, als Opa starb. Großmutter hatte wieder seit Tagen einen ihrer regelmäßigen Schwindelanfälle und lag selbst im Bett.

Wir beteten laut in gebührendem Abstand zum Sterbenden. Ich war ziemlich geschockt. Großvater war der erste Mensch, den ich sterben sah. Heute denke ich, dass die Gefühlsdistanz zwischen den Familienmitgliedern eine große gewesen ist.

Am nächsten Tag kamen die Bestatter. Großvater musste in dem kleinen Häuschen im alten Friedhof aufgebahrt werden. Dazu wäre es nötig gewesen, einen Leichenwagen zu bestellen, um den Sarg dorthin befördern zu lassen. Anscheinend hätte das viel Geld gekostet, dabei war das Aufbahrungshäuschen beinahe um die Ecke!

Fredl, ein guter Bekannter, war Helfer der Bestatterin und hatte beim Anziehen, Waschen und Rasieren des toten Großvaters geholfen. Da kam irgendjemand auf die Idee, man könnte den Großvater im Sarg doch auf den Radlbock verladen und mittags, wenn es ruhig ist, weil alle Leute beim Essen sitzen, auf dem kleinen Weg hinter dem Garten – zum Gartentürl hinaus, am Fischerstadl vorbei – in den Friedhof radeln. Keine fünf Minuten würde diese Aktion dauern.

Alle waren wir überzeugt, Großvater hätte das auch so und nicht anders gewollt. Und so ist es auch geschehen. So sparsam wie Großvater gelebt hat, war auch sein letzter Weg.

Er ist im Februar 80 Jahre alt geworden und am 16. März 1961 gestorben. Ohne männliche Nachkommen ist der Name Königsberger in unserer Familie jetzt ausgestorben.

Nun ist meine Wache schon beinahe vorbei. Es dämmert, und ich möchte noch gerne die Schleppangel ausbringen. Da der Bug unseres „Finchens“ nach Westen zeigt, kann ich im Osten den Morgen über die Kimm kriechen sehen. Die Sterne verblassen.

Ich erwarte den neuen Tag mit Zuversicht, weil ich weiß, Großvater wacht über mich!

Informationen zum Artikel:

Meine Wache mit Großvater

Verfasst von Inge Angerlehner

Auf MSG publiziert im Februar 2014

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Linz/Zentralraum, Marchtrenk
  • Zeit: 1910er Jahre, 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre

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