Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Worte der Kindheit: 276 Beiträge

Kugelscheiben

von Kurt Karlstötter

Als nach dem Krieg das Kugelscheiben aufkam und ich beim ersten Zusehen genug gesehen hatte, mußte ich auch Kugeln bekommen. Zuhause half mir meine Mutter suchen, bis wir einiges gefunden hatten: schöne Glaskugeln und glänzende Stahlkugeln in verschiedenen Größen und einige einfärbige Tonkugeln. Das war mein Startkapital.

Wie ich aber bald erkennen konnte, hatten die allermeisten anderen Kinder ihre Kugeln gekauft. Die Spielwarenhandlung Pokorny in der Alserbachstraße nahe der Friedensbrücke, die nach dem Krieg ein Mekka der Kinder war, heute längst verschwunden ist, machte damals ein Riesengeschäft. Ich gehörte eher zu den schlechten Kunden. Vielleicht zweimal kaufte ich ein kleines Nachschubkontingent, um im Spiel bleiben zu können.

Mit meinen Kugeln, die ich zu Hause gefunden hatte, kam ich eine Weile aus. Die Glaskugeln und Stahlkugeln waren ein Mehrfaches der Tonkugeln wert und konnten eingetauscht werden. Für mich ergab sich allerdings das Problem, daß mir vor allem die Glaskugeln sehr gut gefielen und ich sie nicht gern tauschte. Da gab es aber noch die Möglichkeit der Verpfändung. Man gab einem Gegner eine schöne Glaskugel und erhielt dafür mehrere Tonkugeln zum Spielen. Wenn man damit gewann, konnte man die Glaskugel wieder auslösen. Verlor man, war auch die schöne Glaskugel weg.

Wer keine Kugeln mehr hatte, war „ognegert”, abgenegert, also pleite. Aber mit einem kleinen Taschengeldopfer beim Pokorny ließ sich wieder alles beheben. Auch mit Betrug mußte man rechnen. Beispielsweise kam ich darauf, mir aus „Mäutabrockn”, Mörtelbrocken, Kugeln zurechtzuschleifen. Solche Brocken lagen damals bei allen Ruinenplätzen reichlich umher und fanden vor allem als Kreideersatz für Straßenmalereien der Kinder Verwendung. Warum sollten solche Brocken nicht auch schöne Kugeln werden können?

Also schnell ans Werk. Geeignete Mörtelbrocken waren bald gefunden und Werkzeuge wie Ziegelsteine, Blechstücke und Nägel lagen auf den Schutthaufen ebenfalls reichlich umher. Instinktiv zog ich mich an einen stilleren Platz zurück und begann ein kleines Bröckerl auf einem Ziegelstein zu schaben. Zunächst mußte ich Lehrgeld zahlen und einige Rückschläge einstecken. Im Mörtel steckten Steine, die beim Schaben an die Oberfläche kamen und Buckel hinterließen. Oder das angeschliffene Stück brach auseinander. Auch Brocken, die ein Stück der Maueroberfläche aufwiesen, eigneten sich letztlich nicht, weil das Material farblich auffallen konnte.

Nach vielen Schleifversuchen gelangen mir einige gute Exemplare. Sie waren sandfärbig und etwas größer als die gekauften Tonkugeln. Wie bei den Geldfälschern war aber das In-Verkehr-Bringen der selbstgemachten Kugeln das Allerschwierigste. Ich mischte eine geringe Anzahl zu meinen sonstigen Kugeln in das eigens dafür von meiner Mutter gemachte Sackerl und ging erwartungsvoll auf die Gasse. Alsbald fand ich eine Gruppe von Kugelspielern und durfte mitspielen.

Als ich nach einigen Normalkugeln eine Selbstgemachte hervorholte, zog sie sofort das Interesse der Mitspieler auf sich. Zunächst wurde die Größe begutachtet, weil sich die Frage nach mehr Wert gegenüber den Normalkugeln oder, wie wir damals sagten, nach der Anzahl der „Leben“, stellte. Dann wurde vermutet, daß die Bemalung schon abgewetzt worden sei, was entwertend war. Ich weiß heute nicht mehr, mit welchen Argumenten ich doch ein paar Mal mitscheiben durfte. Das Verhängnis nahm aber seinen Lauf, als beim Scheiben eine dieser Kugeln zerbrach.

Der Leidtragende kam sofort auf mich zu und verlangte Schadenersatz. An den Bruchstellen erkannten die anderen Kinder auch bald, daß es sich um Kugeln aus Mauerbrocken handelte und alle weigerten sich, mit solchen Kugeln zu spielen. Ich mußte sie vor allen anderen aus dem Verkehr ziehen, indem ich sie zertrat. Als Nachwirkung blieb einige Zeit bei allen Kindern ein Mißtrauen, indem vor jedem Spiel selbstgemachte Kugeln ausgeschlossen wurden.

Als das Kugelspielen auf dem Höhepunkt war, konnte man an vielen Stellen im Bezirk kleine Grübchen finden, die die Kinder für ihr Spiel gegraben hatten. Dabei machten sie sich den Umstand zunutze, daß es auf den Gehsteigen viele schadhafte Stellen gab, die nur mit Schutt geglättet waren. Dort war es leicht, eine kleine Vertiefung, „Loch“ genannt, zu graben. Als die Schutthaufen verschwanden, waren auch die geräumten Grundstücke beliebte Lochplätze. Wichtig war, daß der Rand einer Vertiefung nicht brüchig und der Boden rund ums Loch eben war.

Es gab verlassene Löcher, bei denen sich irgendein Mangel herausgestellt hatte, und immer wieder frequentierte Löcher, die auch gepflegt wurden. Bei manchen günstigen Löchern gab es auch Platzansprüche, die nach dem ungeschriebenen Gesetz der Straße durchgesetzt wurden. Mit einem „Schleichts eich!” erreichten die stärkeren, größeren und rauflustigeren Buben, daß Kleinere und Mädchen, vielleicht mit einigem Protest, auf eine andere Stelle auswichen. Wenn man sich aber arrangieren konnte, durfte man dabeibleiben und mitspielen.

Es gab zwei Spielvarianten. In beiden legten die Teilnehmer zu Beginn die Reihenfolge ihres Antretens fest. Wer zuerst seinen Wunsch rief, hatte seinen Platz gesichert. Da es von Vorteil war, je später man drankam, war der bevorzugte Ruf „Ledara”, was Letzter bedeuten sollte. Danach rief wer „Vualedara”, Vorletzter, und dann noch „Vuavualedara”, Vorvorletzter. Die anderen bequemten sich dann notgedrungen, Erster usw. zu melden.

Das erste Spiel nannten wir Kugelscheiben. Jemand zog in etwa zwei Meter Entfernung vom Loch mit dem Schuhabsatz oder einem Stäbchen eine Linie, hinter der man sich aufstellen und versuchen mußte, eine Kugel möglichst nahe ans Loch zu scheiben. Sobald alle hintereinander ihre Kugel plaziert hatten, durfte derjenige, dessen Kugel dem Loch am nächsten lag, versuchen, mit leicht gekrümmtem Zeigefinger eine Kugel nach der anderen wie beim Golfspielen einzulochen. Verboten war „Kinderwagelscheibm”, was hieß, daß man mit dem Finger nicht zu lange anschieben durfte, um die Bahn der Kugel zu bestimmen. Schob einer daneben, kam der nächste dran und so weiter. Und jetzt muß ich gestehen, daß ich mich nicht mehr erinnern kann, was zu geschehen hatte, wenn mehrere ihre Kugel beim Anscheiben sofort im Loch unterbringen konnten, oder wenn beim späteren Einlochen die Kugeln im Loch landeten. Durfte jeder die von ihm eingelochte Kugel sofort an sich nehmen oder durfte nur der, der die letzte Kugel im Loch untergebracht hatte, alles nehmen?

Zeichnung von drei Kindern, ein Bub wirft aus dem Stand eine Kugel in eine Bodenvertiefung und befördert dadurch eine andere Kugel aus dem Loch

Die zweite Spielart nannten wir „Poschn”, also Paschen. Dabei standen die Gegner rund ums Loch und der Reihe nach mußte jeder mit einer Hand zwei Kugeln gleichzeitig von oben ins Loch werfen. Werfen ist eher ein unzutreffender Ausdruck. Die Hand wurde nämlich wie eine Rinne geformt, die zwei Kugeln im fest geschlossenen Spalt zwischen Mittel- und Ringfinger hintereinander gelagert und mit dem Daumen gegen ein Rückwärtsgleiten gesichert. Man zielte und stieß die Hand geradezu nach unten. Die Kugeln flogen scharf ins Loch. Ziel war, daß eine Kugel im Loch liegenblieb und die andere heraussprang. Blieben beide Kugeln im Loch, waren sie verloren, und der Besitzer war in dieser Runde vom Einlochen ausgeschlossen.

Das Einlochen ging genauso wie beim Kugelscheiben. Alle Kugeln blieben oder kamen ins Loch und gehörten dem, der zuletzt einlochen konnte. Diese Spielart war bei den Größeren sehr beliebt, obwohl gelegentlich vorkam, daß beim Einwerfen die eine oder andere Kugel zu Bruch ging. Ich habe jedenfalls dieses Spiel sehr gut beherrscht und viel gewonnen. Die Kugeln bewahrte ich in einem abgeschnittenen Damenstrumpf auf, nahm aber auf die Gasse immer nur wenige Kugeln mit, um bei räuberischen Übergriffen von Raufbolden den Verlust gering zu halten.

Es war auch ein ungeschriebenes Gesetz, daß man nicht einfach aufhören konnte, wann es einem beliebte, solange man gewann oder noch Kugeln hatte. War man aber „ognegert”, hatte also keine Kugel mehr, mußte man zwar den Spott der anderen ertragen, konnte aber aufhören. Ein Sonderfall war auch „höhere Gewalt”, wenn etwa die Mutter rief, man solle sofort heimkommen. Am besten war es aber, wenn man von vornherein irgendein Ende vereinbarte.

Von gut hundert Kugeln habe ich mich sehr lange nicht trennen können und sie in der Hoffnung, daß nachfolgende Generationen damit wieder spielen würden, bis zur Jahrtausendwende aufgehoben. Wenn ich das durchsichtige Säcklein gelegentlich in die Hand nahm, kamen mir die alten Erinnerungen vom Kugelscheiben immer wieder in den Sinn. Meine Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Die Kinder fanden immer weniger Gelegenheiten, das Spiel mit den Kugeln zu pflegen und so geriet es in Vergessenheit. Da mir leid getan hätte, die letzten bunten Tonkugeln einfach wegzuwerfen, packte ich das Säckchen eines Tages zu Altwaren für die Caritas und blieb mit meinen Erinnerungen allein.

Eine andere Sache war das Bankern. Vielleicht kennen manche auch noch den Ausdruck Anmäuerln, der auch in Peter Wehles „Sprechen Sie Wienerisch” erläutert wird. Aber ich bleibe bei Bankern, weil das auch nach dem Krieg der gängige Ausdruck in der „Brä”, wie die Brigittenau in der Pülchersprache genannt wurde, war. Bankern war etwas für Erwachsene. Oder für solche, die sich für Erwachsene hielten. Vor allem aber handelte es sich durchwegs um männliche Personen mit gestörtem Verhältnis zu Schulbildung und geregelter Arbeit, dafür aber mit einem Hang zum Kriminellen, kurz um solche, die Zeit hatten.

Mir ist als Hauptspielort für die Bankerer noch die Ecke Denisgasse Hirschvogelgasse in deutlicher Erinnerung. Dort befand sich in einem ebenerdigen Haus mit anschließendem Lagerplatz viele Jahre die Kohlenhandlung Eisenmagen, die erst in den sechziger Jahren einem hohen Wohnhausbau weichen mußte. Das Geschäft war von einem Plankenzaun umgeben, und der Gehsteig davor hatte innerhalb der Randsteine einen festgetretenen Lehmboden, der stellenweise geschottert und von der Ladetätigkeit der Kohlenhandlung geschwärzt war. Dort, nahe der Ecke zur Denisgasse, standen häufig die Burschen beisammen und spielten. Sie verwendeten Fünferl oder Zehnerl, also Fünf- und Zehngroschenstücke, aus dunklem Metall.

Vielleicht waren die ersten Münzen auch noch Reichspfennige mit denselben Werten, die solange galten, bis die Republik Österreich selbst Groschen geprägt hatte. Bei diesen Prägungen dürften für Ein-, Fünf- und Zehngroschenstücke einfach die reichsdeutschen Münzen mit denselben Zahlenwerten in den Münzstock eingelegt worden sein, weil man auf den neuen Groschenmünzen noch immer die alten Reichspfennigbilder schimmern sehen konnte. Es dauerte jedenfalls lange Zeit, bis diese Münzen aus dem Verkehr kamen. Insbesondere wurden die alten grauen Zehnerl durch Aluminiummünzen ersetzt, die bis zum Ende der Schillingwährung noch kurze Zeit im Jahre 2002 im Umlauf waren. Zum Bankern eigneten sich diese Münzen vorzüglich, weil sie klein, aber nicht zu klein, und genügend schwer für die verschiedenen Würfe waren.

Drei junge Männer sehen einem vierten zu, wie er Münzen in die Luft wirft, dahinter eine Bretterwand

Zunächst mußte jeder Teilnehmer seine Münze vom Straßenrand so nahe wie möglich an die Planke werfen. Dadurch wurde die Reihenfolge der nächsten Etappe festgelegt. Der Erste durfte alle Münzen einsammeln und auf einer Handfläche anhäufen. Dann mußte er das gesamte Häufchen in die Höhe werfen, die Hand schnell wenden und trachten, so viele Münzen wie möglich mit dem Handrücken aufzufangen. Der letzte Schritt war, von dort die verbliebene Münzensammlung nochmals in die Luft zu werfen und mit einem Griff nach unten viele Münzen zu schnappen. Die gehörten ihm.

In Wirklichkeit spielte sich dieser Wurfablauf in Blitzesschnelle ab und es gab wahre Meister, denen es durch geschickte Handrückenstellung und Wurftechnik gelang, einen beträchtlichen Haufen Münzen ohne Verluste einzuheimsen. Die zu Boden gefallenen Münzen durfte der Nächste ebenso werfen und so weiter. Das war aber nur das Anfängersystem. Es war ja dem Kugelspiel auch noch sehr ähnlich.

Viel ernster wurde das Spiel, wenn statt des beschriebenen Wurfrituals lediglich zwei Münzen aufgeworfen wurden und die nach oben liegenden Seiten der Münzen über Gewinn und Verlust entschieden. Wir haben schon von „Kopf oder Adler” gehört, was die zwei Seiten der Münzen beschreiben soll. „Kopf” ist dabei die Zahl. Bei uns sagte man aber zum Reichs- oder Bundesadler nicht Adler, sondern „Wachter”, brigittenauerisch „Wochta” ausgesprochen. Die Wurfergebnisse lauteten „Kopf Wochta”, „Kopf zwaa” oder „Wochta zwaa”.

Gespielt wurde nicht um die Spielmünzen, sondern um höhere Beträge. Das war natürlich verbotenes Glücksspiel, und das rief auch die Polizei auf den Plan. In den Jahren nach dem Krieg gab es noch keine motorisierten Polizeistreifen. Die Sicherheitswachebeamten gingen aber viel häufiger zu Fuß in ihren Rayons umher und sahen nach dem Rechten. Tauchte einer auf, war für die Bankerer Feuer am Dach. Münzen einsammeln und rennen war dann das Gebot des Augenblicks. War die Gefahr vorüber, kehrten alle wieder an ihren Spielplatz zurück und spielten weiter.

Die Burschen versuchten ihrerseits das Risiko des Überraschtwerdens möglichst auszuschalten und wählten vor allem Standorte, von denen man einen weiten Ausblick hatte. Die Ecke Hirschvogelgasse Denisgasse war dafür bestens geeignet. Kam ein „Poli”, wie wir damals sagten, in der Denisgasse daher, war er auf mindestens 50 Meter zu sehen, auch wenn er gerade um eine Ecke bog. Da genügte es, wenn man durch die Hirschvogelgasse etwa 40 Meter bis zur Treustraße rannte und dann irgendwo „abtauchte”.

Wer einmal das nächste Eck erreicht hatte, konnte ungesehen hinter einem der offenen Haustore verschwinden und warten. Kam der Polizist aus der Hirschvogelgasse, war man praktisch sofort um die Ecke in der Denisgasse. Irgendeine Rolle dürfte auch die Kohlenhandlung gespielt haben. Manche Spieler verschwanden dorthin und waren plötzlich Kohlenausführer oder ähnliches, wenn ein Polizist Nachschau hielt. Ganz falsch dürfte das ohnehin nicht gewesen sein, weil ich den einen oder anderen beim Ziehen des mit Heizmaterial beladenen Wagens beobachten konnte.

Informationen zum Artikel:

Kugelscheiben

Verfasst von Kurt Karlstötter

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 20. Bezirk / Wien, 9. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist einem 2002 verfassten und vom Autor selbst illustrierten Manuskript mit dem Titel "Denisgossn. Brigittenauer Grätzelgeschichten" entnommen.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.