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Der Ernst des Lebens beginnt

von Rosa Schön

Das letzte Schulhalbjahr hat man uns gesagt, jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Mir war bei diesem Gedanken ein wenig bang. Doch habe ich mir vorgenommen, das nötige Geld bis dahin zu verdienen. Im Frühjahr ging ich zu den Bauern in den Weingarten hauen, da musste man den Rebstock freiharken und mit dem Weingartenmesser, das vorne gebogen war, die Wurzeln abschneiden und wieder anhäufeln. Dann kam das Rübenvereinzeln dran. Alle 20 Zentimeter musste man die stärkste Rübe stehen lassen. Die Wurzen war mit der Hand festzuhalten und die anderen rundherum wegzuzupfen. Dabei ist man auf den Knien gekrochen, auf die Hände gestützt. Wenn beides schon schmerzte, hat man sich umgedreht und ist im Sitzen weitergerutscht, verkehrt eben.

Die Ferienzeit habe ich beim Drusch mitgemacht. Da wurde von einem Bauern zum nächsten mit der Dreschmaschine gefahren. Der Speiser und die Garbenauflöserin sind mitgegangen. In diesem Fall war das ich. Manchmal musste ich aber meinen Platz wechseln. Denn bei den „Gradn“ (Grannen, Ährenborsten) wollten die wenigsten arbeiten. Das war mit viel Staub verbunden. Die Gradn wurden mit dem Rechen in einen großen Buckelkorb hineingeschoben und auf das anschließende Feld, das ja meist hinter dem Stadel oder der Scheune war, auf einen Haufen zusammengetragen.

Porträt der Autorin als Jugendliche
Rosa Schön (um 1940)

So verging die Ferienzeit, meine nächste Fahrt war zum Arbeitsamt. Man musste ja damals ein Jahr Pflichtdienst machen, entweder bei einem Bauern oder einer kinderreichen Familie. Das hat mir aber nicht zugesagt. Ich meldete mich in ein Lager. Da waren wir 20 Mädels, da hält man das „erste Heimweh“ leichter aus. Ich stamme aus dem Weinviertel, und mein Arbeitsplatz war in Südmähren. Die erste große Reise für mich – wo ich alleine noch nicht einmal in Wien war. „Du fährst mit der Nordbahn nach Wien, von dort nach Drosendorf ...“

Ich habe mich durchgefragt und bin dort gut angekommen, mit meinen wenigen Habseligkeiten im Koffer. Meine Frage war, wie ich zu diesem Dorf komme. – Ja, da fährt keine Bahn weiter, der Bus nur selten.

Der Fahrdienstleiter ging mit mir zur Lagerhalle, da stand ein Bauer mit einem Pferdefuhrwerk, um die vorgeschriebene Ernte abzuliefern. Dieser hat mich auf seinen „Dunnawogn“ (Donnerwagen) – ich glaube, dieser Ausdruck kam daher, dass die Holzräder mit einem Eisenreifen zusammengehalten waren, der mit Eisenschrauben festgemacht war. Obwohl sie sehr abgerundet waren, gab es, sooft diese am Boden aufschlugen, dieses leichte Pumpern.

So vermute ich wenigstens, anders kann ich es mir nicht erklären. Ich habe neben dem Bauern auf dem Sitzbrett Platz genommen, und so fuhren wir die elf Kilometer bis zu einer Abzweigung, über einen Feldweg. „Hier hast du nicht so weit“, meinte er. Ein junger Mann mit einem Pferdefuhrwerk, eine Fuhre Mist oben drauf, kam mir entgegen und grüßte mich, noch bevor ich dazukam. Das war für mich schon ein guter Eindruck. Wenn alle Leute hier so höflich sind – ein schöner Empfang.

Im Lager angekommen, hab ich alle Papiere abgegeben, die Kleidung am Arm übernommen. Es war ein Sommerdirndl, eines für den Winter, ein Paar hohe Schuhe und Holzpantoffeln; zu diesen bekam ich von meiner Bäuerin feste, selbstgestrickte Socken. Dann gab es noch einen Turn- und einen Trainingsanzug, eine Keilhose, Teufelsmütze, Fäustlinge und ein hellblaues Kopftuch – unser Markenzeichen. Auf den Feldern, wenn irgendwo ein hellblauer Fleck zu sehen gewesen ist, hat man sich zugewunken. Schließlich eine graue Jacke mit einem weißen Streifen am linken Ärmelrand mit der Aufschrift „Landdienst der HJ – Hitlerjugend“.

Dieses Lager befand sich mitten im Dorf, vor dem Haus der Freiwilligen Feuerwehr. Es wurde abgeteilt in einen Waschraum, der sich gleich am Eingang befand, dahinter war das Führerinnenzimmer. Die Holzwand ging aber nicht bis oben hin. Daher musste man aufpassen beim Reden, es wurde ja mitgehört. Diese Leiterin war 25 Jahre und sehr gütig – nach meinem Holz geschnitzt, wie man eben so sagt. Dann kam der Schlafraum, er war durch eine richtige Mauer getrennt. Dahinter der Tagraum für Schulungen – auch zum Wäscheaufhängen, Intimwäsche wie sie Mädels zwischen 14 und 17 Jahren eben brauchen. Bei einem Kontrollbesuch durfte dort aber nichts vorgefunden werden, da dies ja immer Männer waren. Diese Sachen musste man selber waschen, die andere Wäsche wurde ja beim Bauern dazugenommen. Die Bettwäsche kam nach Znaim in die Putzerei.

Die Einrichtung waren im Waschraum beiderseits fünf Waschtische, jeder mit zwei Schüsseln. Spiegel waren auch vorhanden, die wichtigsten Dinge für uns Mädels. Im Zimmer der Leiterin befanden sich ein Tisch, Sessel, Bett und Waschtisch.

Im Schlafraum standen drei Tische der Länge nach in der Mitte, mit den dazugehörigen Bänken. Links und rechts waren fünf Spinde, einer für zwei Personen. An der Längswand waren auf beiden Seiten je fünf Stockbetten und zwei Hocker vor den Betten. Da war die Tageskleidung, schön nach dem gleichen Maß, zusammengelegt. Dann kam die Leiterin kontrollieren. Das Nachthemd wurde oben weggezogen und durchgesehen, ob nicht noch die Unterwäsche darunter wäre. Bei mir hatte sie Nachsicht, ich durfte mit der Unterwäsche ins Bett, solange mein Nachthemd aus der Heimat noch nicht hier war. Ich kannte so etwas nicht. Als kleine Kinder sind wir mit dem Hemderl schlafen gegangen, später durften wir das Hoserl anlassen.

Wir waren zu Hause fünf Kinder, drei Mädel, zwei Buben, und haben uns drei Betten in der Kammer geteilt – das war ein Gewölbe ohne Fenster, in die Erde hineingebaut. Ein offener Eingang vom Zimmer aus, wo ein bisschen Licht hereinkam; dieses braucht man beim Schlafen nicht unbedingt.

Wo meine Mutter diesen Stoff für das Nachthemd herhatte, weiß ich nicht. Vielleicht eingetauscht. Es bestand aus zwei Teilen, die eine Hälfte war hellblau, der obere Teil aus rosa geblümtem Muster. Ein zweites Nachthemd bekam ich dann von einer Kameradin geschenkt.

Früh am Morgen gab es „Tagwache zum Frühsport – Angetreten!“ In der warmen Zeit durften wir mit dem Turnanzug, in der kälteren mit dem Trainingsanzug durch das Runddorf laufen. Das war für die männliche Jugend ein schöner Anblick, wir Mädels mit unseren nackten Wadeln. Anschließend waschen, anziehen, fertig machen zum Fahnenhissen. Da standen wir im Kreis herum, ein Lied wurde gesungen, die Fahne dabei hochgezogen, und mit erhobener Hand und dem Gruß „Heil Hitler!“ haben wir uns verabschiedet und sind zu unseren Leuten gegangen.

eine Gruppe Arbeitsmaiden vom Reichsarbeitsdienst in sportlicher Kleidung

Donnerstagnachmittag hatten wir frei für den Sport. Die zwei Mädels im Kleid auf dem Gruppenbild waren zu Besuch. Sonntagnachmittag hatten wir zur eigenen Verfügung. Urlaub gab es zu Weihnachten vierzehn Tage. Da fuhr ich dann schon vom Nachbardorf 40 Kilo­meter bis Znaim, mit dem Zug weiter bis Lundenburg, von dort mit der Nordbahn Richtung Wien in das schöne Weinviertel, meine Heimat.

Auf einem südmährischen Bauernhof

Meine Hausleute wurden mir vorgestellt: Der Altbauer war im Bett; die Bäuerin eine kleine, nette Frau; zwei Töchter mit 27 bis 29 Jahren. Dann kam der Jungbauer herein; ich erkannte gleich den freundlichen Mann von dem Fuhrwerk. Später habe ich ihn gefragt, warum er mich zuerst gegrüßt habe. „Ja, ich habe gewusst, das nächste Mädel kommt zu uns, und ich wollte es dir leichter machen, Glane.“ „Glane“ – Kleine – so haben sie mich immer genannt. Mir tat es sehr gut, ich wurde in der Familie aufgenommen. Ich kannte das nicht, wir Kinder waren mit Mutter allein – Alleinerzieherin nennt man das heute.

Meine Arbeit war Wasser hereintragen, Holzscheiter in den Korb und unter den Kachelofen einschlichten. Inzwischen waren alle mit der Fütterung fertig, dann ging es zum Frühstückstisch. Da lernte ich noch eine Hilfskraft kennen. Es war ein Gefangener, Franzose. Er kam schon früher an seine Arbeitsstelle als ich. In der Mitte auf dem Tisch eine Schüssel mit geschälten Kartoffeln, und ein jeder ein Häferl Milch. „Au weh!“, war mein Ausruf, der mir herausgerutscht ist. „Was hast denn?“, wurde ich gefragt. „Ich trinke leider keine Milch…“ So bekam ich täglich meinen Kaffee. Kaffee mit Kartoffeln schmeckte nicht so gut, doch dazu noch ein Brot zu verlangen, schien mir doch etwas zu viel. Mit den Jahren hab ich mich gewöhnt daran. Schließlich habe ich ein zweites Jahr noch freiwillig angehängt.

Anschließend ging es täglich zur Feldarbeit. Im Herbst habe ich neue Arbeiten gelernt. Bei uns daheim wurden die Hausrüben mit dem Stecher ausgestochen, ein anderer hat sie vorsichtig herausgenommen und an einem Platz zusammengelegt. Dann hat man sich zu zweit, einer links, der andere rechts, an den Haufen gestellt und mit einer Sichel die grünen Blätter abgehackt, ohne die Rübe zu verletzen. Hier wurden die Hausrüben mit dem Fuß umgetaucht und mit einem großen Messer in gebückter Stellung abgeschnitten. Die Rüben wurden dabei mit der Hand gehalten und dann auch auf einen Haufen zusammengetan. Gott sei Dank waren diese Flächen nicht sehr groß, nicht so wie die Zückerrübenfelder bei uns daheim. Hier gab es keine Zuckerrüben, dafür gab es Linsenanbau, das war mir auch neu.

Mittags wurde vor dem Essen gefüttert. Ich habe wieder meine Wasserkübel gefüllt beim Brunnen, der war 20 Meter entfernt an der anderen Seite des Hofes. Das Holz war ausgegangen durch das viele Kochen. Anschließend wurden die Tiere zur Tränke herausgelassen, einzeln nacheinander. Zuerst die Pferde, drei Stück; eine Stute war dabei zur Aufzucht und zu besonderen leichten Arbeiten.

Jungbauer hält zwei Pferde am Zaum

Auf dem einen Foto ist der Jungbauer mit einem Fohlen zu sehen. Dann kamen die Kühe dran; alle wussten schon allein den Weg über den Hof. Die Jungstiere und Kälber haben einen schnellen und sprungvollen Lauf über die ganze Länge des Hofes gemacht. Da musste der Jungbauer zusammen mit dem Gefangenen oft mit der Peitsche schnalzen, damit sie wieder in den Stall liefen. Zuletzt kamen die Schafe auf einmal heraus; es waren nur sechs bis acht, mit dem Schafbock. Da habe ich aufpassen müssen, wenn ich nach dem Wasserschöpfen, das meine Aufgabe war, in die Wohnung zurückwollte. Zuerst ging ich langsam, dann habe ich mich beeilt, doch manchmal hat er es doch bemerkt. Wenn er den Kopf gesenkt hatte, wusste ich, dass ich sein Ziel war. So schnell konnte ich nicht immer laufen, dann bekam ich einen starken Schupf in das Hinterteil. Eine halbe Stunde habe ich geschöpft, ein großer, zwei Meter langer Trog war voll zu tanken und wurde immer wieder weggesoffen.

Bauerntochter, vor einer Stalltür stehend, blickt auf eine Anzahl Ferkel herab Bauerntochter mit einem kleinen Hund am Arm

Die Schweine und Schafe hat die eine Tochter gefüttert, auf dem einen Bild ist sie mit den Schweinen drauf. Die andere Tochter mit dem Hund „Druzl“ war für das Melken zuständig. Auch ich wollte gerne Stallarbeit übernehmen. Man hat mir erklärt, das sei zu gefährlich oder zu beschwerlich für mein Alter. Ich habe aber doch gebettelt, wenigstens auf dem Weg bis zur Jauchenrinne das Stroh abzukehren, das beim Einstreuen verloren wurde, und war glücklich darüber. Im Winter war es hier ja immer warm herinnen. Die jungen Kälber hatte ich sehr gerne; die bekamen Streicheleinheiten von mir.

Nachmittags wieder Feldarbeit; Stallarbeit war die gleiche, ohne Tränke. Nach dem Abend­essen ging es um 20 Uhr in das Lager. Da gab es wieder ein Lied, und die Fahne wurde eingeholt. Nachtruhe war um 22 Uhr.

Manche Mädels gingen gleich schlafen, einige schrieben Briefe oder haben gelesen. Man erzählte seine Erlebnisse vom Tage. Auch scherzten wir gerne. So verging die Zeit, und es wurde Winter. Ein kleiner Ofen in unserem Lager, viel, viel zu klein für den großen Schlafraum. Der Raureif war an den Wänden, da wurde nicht mehr nachgesehen; jeder konnte anziehen, soviel er wollte. Trainingsanzug, Fäustlinge, Haube – so sind wir gelegen. Es gab ja nur überzogene Decken, keine warme Federtuchent wie daheim, eben alles militärisch.

Meine Winterarbeit war Kartoffeln abgranln. Die Keime, die schon im Keller ausgetrieben hatten, musste man mit der Hand wegdrücken und die Kartoffeln in einen Korb geben, die wurden dann an einer anderen Stelle gelagert. Bis zum Frühjahr wären die Keime ja 30 bis 40 Zentimeter lang geworden, so kann man keine Kartoffeln anbauen. Da habe ich öfter ein Nickerchen gemacht auf meinem Schemel.

Die Mädel haben die Schafwolle „gezaust“, so nannten sie diese Arbeit, die Bäuerin war beim Spinnrad. Diese Betätigung war sehr interessant für mich. Im Frühjahr habe ich die Kartoffeln hinausgetragen, zum Herrichten für das Einlegen am Feld. Zu meiner Überraschung wurden die Kartoffeln zwei- bis dreimal durchgeschnitten. Ihre Erklärung war: „Drei Augen genügen.“ In unserer Gegend hat man eine mittlere Kartoffel – diese wurde ja bereits bei der Ernte weggegeben – als Saatkartoffel genommen. Die hat man bei jedem Schritt in der Mitte der Furche hineingesteckt – von einem Kübel oder Grastuch aus. Hier bekam ich ein kleines, geflochtenes Henkelkörbchen, das musste man schupfen, so dass einige Erdäpfel in die andere hohle Hand gehüpft sind. Die ließ man dann in eine Rinne fallen, alle zehn bis fünfzehn Zentimeter. Ich weiß bis heute nicht, welche Arbeit sparsamer war.

Zu meiner Winterarbeit gehörte auch die Holzarbeit. In einem Wald nahe der Thaya wurde Holz geschlagen. Zu meiner Überraschung gab es auch ein paar Föhren. Von diesen musste ich Bürdel hacken. Das waren so ofengerechte Holzbündel aus Reisig. Zwei starke Äste mit 70 Zentimeter wurden im Abstand von 50 Zentimetern eingeschlagen, ein Strohband daneben gelegt und dann das Reisig immer gegengleich aufgelegt, damit es im Gleichgewicht bleibt. Zuerst wurde ein stärkerer Ast, fünf bis sechs Zentimeter dick, gespalten und mit dem gespaltenen Seite nach unten aufgelegt, dann das grüne Reisig draufgegeben. Zum Schluss, wenn das Bürdel zwischen den Stöcken schon hoch genug war, wurde es zusammengebunden und mit dem Knebel festgemacht. Knebeln konnte ich schon; bei der Ernte daheim wurden auch die Getreidegarben geknebelt. Dazu hat man auch junge Mädel gerne genommen.

An Regentagen wurde im Schuppen Ordnung gemacht, die vielen Hühnerfedern zusammengerecht. Der Hühnerstall wurde ausgemistet, dieser war so groß, da konnte ich hineinsteigen. Wir hatten ungefähr 50 oder mehr Hühner. Diese Arbeit wurde gelobt: „So schön war unser Hühnerstall noch nie. Glane, du machst gute Arbeit!“

Der Jungbauer und der Gefangene haben sich um das Werkzeug und die Maschinen gekümmert, die Wartung musste ja auch sein. Die Mädel haben die Wäsche in Ordnung gebracht. Auch Brot wurde gebacken, vierzehn Laibe. Sie hatten eine eigene Backstube. Da wurde das Fenster aufgemacht, damit sie das Brot mit dieser langen Stange herausschieben konnten. Vorne auf die runde Scheibe kam das Brot drauf und wurde eingeschoben.

Meine Mutter hat auch immer zwei Laibe gemacht, die mussten wir Kinder mit der Schubkarre zum Bäcker fahren. Diese Backstube war sehr groß, da war genug Platz für die lange Stange. Eine Ecke war für das Brot der Kunden, das stellte man auf den Boden. In der anderen Ecke wurden die „Kaisersemmeln“ gepresst und das fertige Brot aus dem Ofen genommen. Einer hat eine Bürste ins Wasser getaucht, darübergestrichen, und das Brot auf die Stellage gelegt. Es war ein emsiges Treiben; da habe ich gerne zugesehen. Später als junge Mutter habe ich auch wöchentlich einen Laib gebacken.

Mit unserer Stute hatte ich ein Erlebnis. Ich durfte mit ihr auf dem Acker das restliche Kleeheu zusammenziehen, mit dem großen Rechen, der angespannt war. Der Jungbauer hat das Heu mit einer großen Gabel auf einen Haufen getragen. Dabei konnte er seinen Hang zum Rauchen besser nutzen. Dieser Acker war einen Kilometer von der Staatsgrenze zu Tschechien entfernt, eine grüne Grenze …

Wir fuhren gemütlich dahin, ich hoch oben auf dem eisernen, abgerundeten Sitz, die Zügel in der Hand, habe ich den Rechen gehoben und gesenkt. Auf einmal ein Ruck – wieso und warum wusste ich nicht. Die Zügel rutschten mir aus der Hand, die Stute galoppierte mit mir los. Helle Angst vor dem mir fremden Feindesland kam in mir auf. Ich stieg auf die Deichsel hinunter und habe mich, mit beiden Händen auf dem Pferderücken, mit den Füßen auf der Stange nach vor getastet. Nach einigen Metern habe ich sie beim Zaum erreicht und so zum Stillstand gebracht. Der Jungbauer kam nachgelaufen: „Glane, was da alles hätte passieren können. Du warst sehr mutig.“ Er war froh, dass es so gut ausgegangen war, und sein Lob hat mich gefreut.

altes südmährischen Bauernehepaar auf einer Bank vor dem Haus, Mann mit Hut, Frau mit schwarzem Kopftuch
Ein Bild von meinen Bauersleuten

Eines hat mich ein bisschen gestört. Bei diesen Bauern standen die Ehebetten in der Küche, hoch aufgetürmt: der pralle Strohsack, dann die Tuchenten und Polster. Für mich war das ein seltsames Unikum in diesem Raum. Vielleicht war es wegen der sechs Kinder; eine Tochter war verheiratet, die anderen noch daheim. Zwei Söhne waren an der Front. Der Jungbauer war freigestellt. Er musste aber die Feldarbeit von einem Kleinbauern, wo der Mann beim Militär war, mitmachen. Kein Knecht und kein Gefangener war vorhanden.

Von unseren Bauern daheim kannte ich auch ein Bett in der Küche, das war das „Tafelbett“; es diente bei Tag als Tisch für die Mahlzeiten. Am Abend kam die Tischplatte herunter; in dieser Truhe befand sich das Bettzeug für eine Schlafstätte der kinderreichen Familie, für eine Magd oder auch für den Jungbauern.

Trotzdem habe ich mich bei diesem Bauern sehr wohl gefühlt. Als Kind geschiedener Eltern kannte ich ja kein Familienleben. Einen Schwur habe ich damals geleistet: meinen Kindern so etwas zu ersparen. Mit diesem Schwur und dem Versprechen in der Kirche habe ich 52 Jahre Ehe mit allen Höhen und Tiefen, wie sie in jeder Ehe vorkommen, überstanden und meinen Kindern – fünf an der Zahl – das Familienleben erhalten.

Informationen zum Artikel:

Der Ernst des Lebens beginnt

Verfasst von Rosa Schön

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tschechien, Südmähren, Korolupy / Niederösterreich, Weinviertel
  • Zeit: 1940er Jahre

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