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Ein langer Weg

von Herbert-Ernst Neusiedler

Die Naziarmeen hatten kapituliert, der Mai 1945 war noch nicht zu Ende, da kehrten meine Mutter und ich nach Wien zurück, in unsere Wohnung in der Leopoldstadt. Unsere Transportmittel waren – wieder einmal – der Leiterwagen und unsere Beine. Zugverbindung gab es damals für Zivilisten nicht, noch immer nicht. Es war Chaos. Es gab nur zerstörte Gleisanlagen, Bahnhöfe, Lokomotiven. Auch der Südbahnhof in Wien war total zerstört.

Wie unsere Reise begann, wie und wann der Wagen gepackt worden war, daran erinnere ich mich nicht. Ich weiß aber, dass auf dem Wagen nicht nur unser Koffer war mit Bekleidung, sondern auch Bettzeug und ein schwerer, gusseiserner Ofen, der alle Jahre, in der ich und meine Eltern und später meine Schwester in der Pazmanitengasse wohnten, die einzige Heizung war. Später, schon verheiratet, hatten wir ein Bauernhaus in Pommersdorf im Waldviertel gemietet, auch dort tat er gute Dienste. Nachdem wir das Haus aufgaben, blieb der Ofen dort. Wahrscheinlich ist er bereits zu Schrott „wiederverrecycelt“ oder wie das heißt.

Die ersten Erinnerungen an den harten Marsch beginnen für mich in Wiener Neudorf, also kurz vor Wien. Über die Triester Straße, später B 17, marschierten wir Richtung Wiener Wohnung, an die ich mich nicht mehr erinnerte. Wir gingen nach Hause, doch ich wusste nicht, wo das war und was das bedeutete. Dort, in Wiener Neudorf, waren wir bereits am Nachmittag angekommen. Es war ein extrem heißer und trockener Tag, wie im Sommer. Wir hatten an der linken Straßenseite an einem kleinen Haus angehalten. Es war eine kleine Querstraße, die von der sogenannten Triester Straße im rechten Winkel wegführte. In dieser Nebenstraße, auf der linken Straßenseite an einem Zaun, lagen lange Kartuschen, welche in der Sonne glänzten, zeltförmig gestapelt. Das war mir aufgefallen, und das sehe ich heute noch vor mir. Oben, als Abschluss, lag eine einzelne. Das gefiel mir: Ordentlich und genau war dieser Stapel gemacht, wie für eine Ausstellung. Später, als Erwachsener, dachte ich, obwohl den deutschen Truppen schon mehr als der Hut brannte, und die Russen nicht nur von Süden kamen, sondern auch bereits nach Westen auswichen, um so Wien in die Zange zu nehmen, stapelten diese noch Munitionskartuschen, wahrscheinlich von einer schweren Flak, ordentlich, genau und gewissenhaft, wie man es sie gelehrt hatte. Ordnung muss sein, selbst im Untergang.

Wir baten an dem Haus um Trinkwasser und bekamen es auch. Meinen Strohhut mit einer dünnen Gummischnur daran, um ihn beim Tragen nicht zu verlieren, die ich nicht leiden konnte, weil sie mich störte, hatte ich an den Zaun gehängt. Wir waren beide verschwitzt und verstaubt, aber ins Haus eingelassen wurden wir nicht. An die 40 km waren wir bereits zu Fuß unterwegs. Ich kann mir heute einen solchen Marsch und einen unter diesen Bedingungen nicht einmal vorstellen. Ich erinnere mich auch nicht, ob wir Menschen begegnet sind. Jeder blieb in dieser Zeit möglichst zu Hause. Man wusste nie, ob man noch einmal nach Hause kommen würde. Die Russen verhafteten Menschen ohne Grund. Und damals war Sibirien nahe. Sehr nahe sogar.

Wir zogen dann weiter, am Wagen zog nur Mutter, und der Strohhut blieb am Zaun hängen. Ich weinte später um den geliebten Hut, aber das nützte nichts, es gab kein Zurück mehr, wie so oft im Leben, wie auch damals bei der Spielzeugziehharmonika. Woher Mutter die Kraft zu all dem nahm, ich weiß es nicht. Nur wenn es bergauf ging, musste ich nebenher mitgehen und – meinen Kräften entsprechend – schieben. Etwa dort, wo heute der „Autometzker“ ist, beim ehemaligen Autoaltteile- und Schrotthändler und Millionär Metzker, geht es kräftig bergauf.

Schon vorher war eine Lok mit Tender und mit einem oder zwei Waggons auf der anderen Straßenseite, auf den Gleisen der Badener Bahn, unterwegs. Sie hielt. Der Lokführer rief uns zu, wo wir denn hin wollten. Mutter sagte es, und er nahm uns mit. Weit und breit waren keine Menschen zu sehen. Der Lokführer lud mit Mutter den schweren Wagen auf einen Plateauwaggon. Meine Mutter reichte mich hinauf, und sie zog der „schwarze Mann“ nach oben. Ich weiß nicht mehr genau, wie weit er uns mitnahm, jedenfalls ersparten wir uns den steilen Wienerberg, den man, im Auto sitzend, heute gar nicht bemerkt. Die laute Lok, das wunderbare Feuer darin, die vielen Hebel und Griffe und Räder gefielen mir. Und einmal betätigte der Lokführer auch das Signal, ich glaube nur für mich. Ich wünschte, diese Fahrt hätte länger gedauert.

Jetzt standen wir wieder auf der Straße und weiter ging es nach Wien hinunter. Die nächste Erinnerung, verbunden mit einem unangenehmen Zwischenfall, ereignete sich mitten in Wien, in der Wiedener Hauptstraße, rechts vor der in der Straßenmitte stehenden Florianikirche. Vor dieser Kirche teilte sich die Straße und ging links und rechts daran vorbei. (...)

An dieser Stelle war jedenfalls das rechte Hinterrad unseres Wagens teils auseinandergefallen. Zerlecksent [zlexnt] hat es sich, wie man auf Wienerisch sagt. Das heißt, die Trockenheit zieht das Holz zusammen und die Steckverbindungen von der Nabe zu den Speichen beziehungsweise zum Holzreifen, der aus einigen Teilen bestand, wurden locker. Das Rad beginnt zu „eiern“ oder zu „achtern“ und die Fahrt ist zu Ende. Der Wagen, vom schweren Ofen niedergezogen, kippte hinten rechts zur Seite. Jedenfalls stand er schief und verdreht da. Eine Weiterfahrt war damit nicht mehr möglich. Auch hier war kein Mensch zu sehen, keine Straßenbahn fuhr und kein Auto. Mutter ging auf die andere Straßenseite. Da stand ein ebenerdiges Altwienerhaus, und ich glaube, es steht noch heute. Der Gehsteig lag dort etwas tiefer als das Straßenniveau. An das große Tor klopfte Mutter. Es war versperrt. Niemand öffnete. Immer wieder versuchte sie es, rief, bat um Hilfe. Nichts.

Auch bei den Menschen da drinnen war die Angst größer als die damals noch sprichwörtliche Hilfsbereitschaft der Wiener. Endlich antwortete eine Männerstimme, aber der Mann sagte, er könne nicht helfen und wolle nicht aufsperren. Wieder und immer wieder das Bitten meiner Mutter, dass sie in den zweiten Bezirk müsse und ein kleines Kind bei sich habe. Endlich kam ein kleiner alter Mann aus dem Haus und sah sich das Malheur an. Wieder sagte er, er könne nicht helfen, wie auch, womit? Wieder bettelte Mutter, dass wir unbedingt noch vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein mussten. Da ging er ins Haus und kam nach einiger Zeit wieder mit einem Draht. Er reparierte mit Geschick und mittels des Drahtes, aber sichtlich angestrengt, das Rad, obwohl ich mich erinnere, dass es irreparabel aussah, und der Wagen, halb gekippt am Rand der Straße aussah wie eines der vielen Wracks, die ich die letzten Monate an Straßenrändern liegen gesehen hatte.

Rumpelnd und pumpernd zogen wir mit dem Wagerl weiter. Ich erinnere mich nur noch an Ruinen und Schutt und an viele Mauertrümmer, die herumlagen. Das war in diesem Mai aber normal, in Wien genauso wie in Wiener Neustadt. Der Heinrichshof war eine Ruine und die Oper genauso, wobei ich natürlich nicht wusste, dass diese Gebäude so hießen, an denen wir vorbeizogen. Wir kamen auch am Stephansdom vorbei, auch daran erinnere ich mich kaum. Dann kamen wir in die Rotenturmstraße, damals noch Rothenturmstraße geschrieben, nach dem Rothen Turm, der an ihrem Ende beim Donauufer, dem heutigen Donaukanal, im Mittelalter dort einmal gestanden haben soll. Bis zum Ende der Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts war diese, zusammen mit der Kärntnerstraße, die Hauptverkehrsader von Süd nach Nord, quer durch Wien über die Taborstraße zur Straße Am Tabor.

Fast an ihrem Ende, dort wo sich die Rotenturmstraße keilförmig verbreitert und dann steil zum ehemaligen Donauufer abfällt, ist auf der linken Seite „der Alligator“. Es ist dies, auch heute noch, ein Lederwarengeschäft. Über den Auslagen, die damals mit Holzbrettern vernagelt waren, befand sich dunkelrotes Glas, und davor, einige Meter lang, lag das Krokodil aus Bronze. Der Kopf war etwas nach rechts zum Beschauer gewandt, der Rachen war offen. Man sah die spitzen Zähne. Das Metall glänzte an einigen Stellen. So habe ich es in Erinnerung. Um ihn herum war alles zerstört. Das Haus, mit dem Alligator hatte keine Fensterscheiben, es sah aus wie ausgebrannt. Aber der Alligator lebte. Ich konnte gar nicht genug schauen. Auch den schwungvollen Schriftzug „Alligator“ habe ich mir eingeprägt, obwohl ich damals nicht lesen konnte. Als ich dann 1951 mit meinem Freund Otto Haider, mit dem ich in der Volks- und in der Mittelschule zusammen war, wieder daran vorbeiging, als wir zum „Amerikanischen Informationszentrum“ am Beginn der Kärntnerstraße neben dem Sacher gingen, habe ich die charakteristische Schrift sofort wieder erkannt. Und noch heute schaut der Alligator, vor der roten Glastafel liegend, auf die Rotenturmstraße.

Und nur er und ich wissen, wie es da 1945 ausgeschaut hat. Und irgendwann wird nur mehr er es wissen. Möge er noch lange da oben liegen und das Haus nicht von einer Bank oder Versicherung gekauft, verunstaltet oder gar abgerissen werden. Dann werden wir einander vielleicht irgendwo treffen und in einer allen verständlichen Sprache über die längst vergangenen und vergessenen Zeiten reden können. Kinder des dritten Jahrtausends wissen davon nichts, können sicher auch nicht glauben, dass ein damals Vierjähriger, nach einem zehn- oder zwölfstündigen Fußmarsch, einen Bronzealligator in einer zerstörten und mit Schutt und Trümmern übersäten Rotenturmstraße bewunderte, ihn nie vergessen hat, ihn auch noch heute, sechzig Jahre später, immer begrüßt, wenn er dort – allerdings immer seltener – vorbeikommt. Die Straßen im ersten Bezirk gehören heute anderen Menschen, die mir oft erscheinen, als wären sie „unecht“, wie ihre Sprechweise, ihre Umgangsformen. Wären immer mehr ihren Gebrauchsgegenständen aus Kunststoff ähnlich (...).

Über welche der zerstörten Brücken wir dann über den Donaukanal und über die Taborstraße, Heinestraße, damals Schönererstraße, nach Hause kamen, weiß ich nicht mehr. Aber ich glaube, es gab eine hölzerne Notbrücke. Frau Weißenböck, eine kräftige Frau, die im 2. Stock wohnte und nicht mehr lebt, half Mutter den Ofen zu tragen. (...)

Cover Zeitenbrücken

Informationen zum Artikel:

Ein langer Weg

Verfasst von Herbert-Ernst Neusiedler

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Aus dem Buch:

Zeitenbrücken

Zeitenbrücken
Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Wien-Umgebung, Wiener Neudorf u.a. / Wien, Wiedner Hauptstraße, Rotenturmstraße
  • Zeit: Mai 1945

Anmerkungen

aus: Herbert-Ernst Neusiedler (2009): Zeitenbrücken. Von Sternschnuppen, Schutzengeln und dem Christkindl, S. 85ff.

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