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Fleckerlteppich und Spulenstricken

von Lisbeth Wörther

Not macht erfinderisch, sie ist die Mutter von Kreativität und Erfindergeist. In den beiden ersten Nachkriegswintern gab es kaum – und wenn überhaupt, dann unregelmäßig – Brennmaterial. Es sei denn, man holte sich unter Lebensgefahr unter den Schutthaufen und Trümmerbergen der Ruinen Holzbalken oder Teile von Holz- oder Parkettböden hervor. Man drohte dabei in ein Loch zu stürzen und vom nachkommenden Schutt begaben zu werden.

Also musste man wenigstens vom Fußboden her ein bisschen Wärme einfangen – mit Teppichen. Die gab es zwar nicht zu kaufen, aber in den Gewandbeständen fanden sich immer wieder abgetragene, zu große, zu kleine Stücke, die man zu den sogenannten Fleckerlteppichen verarbeitete.

Es tauchten Fleckerlteppichhersteller auf, denen man das entsprechende Material brachte, von Gewand über Fetzen, Fahnen, Wollstrümpfe, alte Decken, abgetragene Wäsche – alles, was der Textilbereich hergibt. Das Material wurde in dünne Streifen geschnitten (ich glaube, auch zusammengenäht) und zu bunten Teppichen umgestaltet. Anfangs sahen sie in ihrer Buntheit ganz gut aus, doch waren sie nicht sehr strapazfähig und außerdem mottenanfällig. Doch der Zweck war erfüllt: die Füße blieben halbwegs warm.

Das Handarbeiten war eine der Nachmittagsbeschäftigungen, nicht nur für einfache Hausfrauen, sondern bis hinauf in die vornehmsten Kreise. Was wurde nicht alles gehäkelt, gestrickt, gestickt, geklöppelt. Für den einfachsten und dringendsten Gehrauch strickte man selbst Handschuhe, Socken, Schals, Mützen, Pullover. Unsere Mutter besorgte sich Rundnadeln und strickte in mühevollster Arbeit Zierdeckerln für alle möglichen Möbel; Sterne, bei deren Muster man ständig mitzählen und -rechnen musste; echte Kunstwerke, deren Herstellung volle Konzentration erforderte. Dabei durfte sie nicht gestört oder auch nur angesprochen werden, denn wehe, eine Masche fiel herunter und konnte nicht mehr aufgefangen werden, das Unheil brach über die Familie in Form von Tränen- oder Zornesausbrüchen, jedenfalls allerschlechtester Laune, herein.

Ich horte noch Massen dieser Relikte bürgerlichen Fleißes, denn die Dinger gehen nicht kaputt. Zu Ostern mussten sie gewaschen, gestärkt und gespannt werden, und in Zusammenhang mit dem übrigen Osterputz erstrahlte die Wohnung frühlingshell und duftete vor Sauberkeit.

Die Mädchen hatten in der Schule Handarbeiten – ich hätte viel lieber mit den Buben gesägt, gehämmert und gebastelt als Waschlappen zu häkeln, aber ein Mädchen zu sein bedeutete ein von den Normen vorgegebenes, unentrinnbares Schicksal.

Was mich trotzdem freute, war das Spulenstricken, auch „Strickliesel“ genannt. Dazu brauchte man eine leere Zwirnspule und vier Nägel, die auf der Oberseite hineingeschlagen wurden. Um diese wickelte man eine beliebige Wolle, zog den Faden durch das Loch zur Unterseite hin und begann mit der Stricknadel den Wollfaden über den Nagel zu ziehen, wobei die Spule bei jeder Masche ein Stückchen gedreht wurde. An der Unterseite kam dann eine Art Wollwurst heraus, je länger man strickte, desto ansehnlicher wurde sie.

Im einfachsten Fall ergab das eine Springschnur. Wollte man damit Tauziehen oder andere Kraftakte vollführen, dann riss das Wollgebilde, und man purzelte zu Boden. Man konnte die Wollwürste aber auch zusammennähen und Topf-Untersetzer oder Wärme haltende Überzüge für Kaffee- und Teekannen herstellen; es kam ganz auf die Geschicklichkeit und den Einfallsreichtum an. Jedenfalls war das Spulenstricken eine Freizeitbeschäftigung, die man heute kaum mehr kennt.

Informationen zum Artikel:

Fleckerlteppich und Spulenstricken

Verfasst von Lisbeth Wörther

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

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