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Datlschaun, Beitrag 1 von 1

Von Datln, Nigln, Trutsch und Floatsch

von Rosa Hofer

Ich bin mit Deutsch und Lungauerisch praktisch zweisprachig aufgewachsen und habe dadurch den doppelten Wortschatz erworben.

Angeblich von den Kelten blieb uns ein Wort erhalten, das von den älteren Leuten viel gebraucht und sogar von den jungen noch gesprochen wird: Trutsch – das waren die Untergebenen, die unfreien Dienstboten. „A dumma Trutsch“, „a bleda Trutsch“ – es konnte aber auch „a guata Trutsch“ sein; ein „krempa“ Trutsch war kommod, angenehm.

Die Mehrzahl davon sind die „Trutschn“ oder – weiblich gebraucht – die „Trutschna“ oder „Trutschala“. Verniedlicht konnte ein kleines Mädchen „a årms“, „a liabs“ oder „a tåpfas Trutschei“ sein, wobei „tapfer“ hier so viel wie „hübsch“ bedeutet.

Ebenso hörte man sagen: „Uje, heint is ma da Germnudl a Trutsch wårn!“, also: Heute ist mir der Germkuchen misslungen, sitzen geblieben. Heute noch sagt man bei uns zum Kuchen „Nudl“, was immer wieder zu Verwechslungen mit den inzwischen so beliebten Nudeln führt – nur bei den „Auswärtigen“ selbstverständlich. Mehrere Nudl sind „die Niedl“.

Die Abstammung der folgenden Wörter ist nicht nachgewiesen – es geht um die Kinder. „Ba unsara Wetl (Barbara) is allweil a Fuchtgeahra (Fortgeher, Anfensterer) då gwen, und hiaz is de Trutsch gå in da Hoffnung“, sagte die Bäuerin. Man sagte eigentlich immer „in der Hoffnung“, wenn eine Frau ein Kind erwartete. Das Wort „schwanger“ befremdet mich noch heute irgendwie, und ich gebrauche es ungern.

Kam das Kind zur Welt, dann hatte die Mutter „a Butzei“ [Butzerl] oder „a Datl“ gekriegt. Der Besuch der Verwandten und Nachbarn, der heute noch gepflegt wird, war das „Datlschaun“ und wird auch heute vielfach noch so genannt. Auch „Butzeischaun“ kann man sagen.

War der Säugling „außag’wutzelt“, dann waren die Buben die „Keau“ oder die „Kedl“, die Mädchen waren die „Dåtn“. Wurden die Kinder größer und waren nicht mehr so brav, wurden sie oft zu „Nigln“ – „unguata Nigl“, „frecha Nigl“ oder „Saunigl elendiga“, konnte man hören.

Da wurde die Mutter oft „gånz åchtla“. „Åcht“ (Ort) – das war der Rand; „åchtla wern“ hieß daher: an den Rand geraten, völlig entnervt sein. Dann gab es hin und wieder „a Fotzn“, eine Ohrfeige. „Åbfotzn“ (ohrfeigen), „åbbeitln“ (an den Ohren ziehen) oder „fest åbtschaupm“ (an den Haaren reißen) waren übliche Strafmaßnahmen. „Tschaup“ ist der Haarschopf, „tschaupat“ bedeutet ungekämmt, und „a tschaupats Vieche“ ist ein Kalb mit gekraustem Fell.

Radio und Fernsehen gab es nicht. Die Kinder sangen oder pfiffen selber – wobei der Großvater zu meiner Mutter als Zwölfjähriger angeblich immer sagte: „Wårt nur glei, Diandla, die pfeifen, die holt der Teife!“

Liest und hört man heute überall vom „Shoppen“ und wird dieses als wichtigster Zeitvertreib gepriesen, so hätte meine Mutter nur den Kopf geschüttelt. Schoppen – das war eine mühsame, schweißtreibende Arbeit bei der Heuernte. Man musste das Heu in der Scheune unter das Dach schoppen. Das Wort stand für etwas – vorzugsweise einen weichen Gegenstand – irgendwo hineinstopfen.

Meine Eltern vertrieben sich als Kinder die Zeit noch mit „Guggubergn“ (Versteckspielen). Dann gab es noch das „Mandlhupfen“ oder „Tempelhüpfen“ – das Springen in die Felder einer auf dem Boden aufgezeichneten Figur. Auf dem Erdboden ging das mit einem Stöckchen sehr gut. Auf dem heute überall verbreiteten Asphalt müsste man halt Kreide nehmen.

Lustig war auch das "Warfekügeischeibm“ – das Spiel mit den bunten Murmeln aus Glas. Wild ging es zu beim „Sauwutzltreiben“. Mit dem Schuhabsatz wurde ein Loch in den Erdboden gegraben, jedes Kind nahm einen dicken Stock in die Hände, und jeder versuchte, den kleinen Ball – das war der „Sauwutzel“ – in das Loch hineinzutreiben. Wer am öftesten ins Loch traf, war der Sieger. Bei diesem Spiel musste man flink und „nutz rieglsåm“ (sehr beweglich, rührig) sein.

„I hon ban Fensta åpumpacht, åba es håt se nix g’riegelt.“ (Ich habe ans Fenster gepocht, aber es hat sich nichts gerührt) – das Los des erfolglosen „Fuchtgeahras“. Unterhaltungen waren selten, Geld für Gasthausbesuche war nicht vorhanden. Das „Ummafloatschn“ (Sich-Herumtreiben) in der Nacht war für Mädchen untersagt, da wäre es ja eine „Floatscha“ gewesen. Daher kam eben der Bursch ans Kammerfenster, wenn er mit dem Mädchen plaudern wollte. Ging er von einem Kammerfenster zum andern und war viel unterwegs, dann war er ein „fester Floatsch“, aber bei den Burschen war das halb so schlimm wie bei den Mädchen – wie halt immer.

Informationen zum Artikel:

Von Datln, Nigln, Trutsch und Floatsch

Verfasst von Rosa Hofer

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Lungau, Mariapfarr
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

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