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Dirn, Beitrag 1 von 1

Sex von Gestern

von Barbara Moser

 

„Geil“, eigentlich „goal“ oder „foast“, sagte man früher zu sehr fetten Speisen. Fette Kost war eine gute Kost. Bäuerinnen lobte man, wenn sie beim Kochen mit Schmalz nicht sparten. Mit der heutigen mageren Kost sind auch die Worte „foast“ und „goal“ verschwunden.

„Goal“ sagte man früher auch zum Mist, der als Dünger auf das Feld gebracht wurde. Das Mistausbringen oder „Mistfiahn“ (Mistführen) nannte man „angoaln“, „anmisten“. Wenn ein Bauer seinen Grund gut düngte und viel Futter wuchs, war der Boden „guat in da Goal“.

In den Sechzigerjahren wurden von den jungen Leuten das Wort „geil“ im Sinn von „sexy“ verwendet. „Geil“ sagte man zu Frauen, die freizügig angezogen waren und sich an Männer heranmachten. Dies galt auch für „geile Böcke“ unter den Männern, die den Frauen unangenehm nachstellten. Heute hat das Wort wieder eine andere Bedeutung: Jetzt sagen die Jungen „Wow, geil!“, wenn ihnen etwas besonders gefällt.

Das Wort „Sex“ kannte man in meiner Jugendzeit in den Sechzigerjahren gar nicht. Wenn früher über geschlechtliche Dinge gesprochen wurde, und ein Kind kam in die Nähe, sagte man: „Schindeln aufn Dach“ [Schindeln am Dach], und das Gespräch nahm eine andere Wendung. Ich kann mich nicht erinnern, von den Älteren irgendein Wort gehört zu haben, das dem Begriff Sex gleichzustellen wäre. Man schnappte höchstens die Bemerkung auf: „Dei zwoa haum a Gspusi.“

Andererseits konnte man früher manchmal Sex pur miterleben. Die Dirnen, so nannte man die Mägde, und Bauerntöchter mussten zu mehreren in einer Kammer schlafen. Oft mussten auch zwei Frauen oder Mädchen in einem Bett schlafen. Wenn eine Dirn nun ein Gspusi hatte und Männerbesuch bekam, so bekamen die anderen Frauen und Mädchen mit, was sich im Bett nebenan abspielte. Eine heute 70-jährige Frau erzählte mir, dass sie bis zum 16. Lebensjahr keine eigenes Bett hatte. Sie musste das Bett mit einer Dirn, die schon Männerbesuch hatte, teilen.

So ähnlich verhielt es sich auch im Schlafzimmer der Eheleute. Wenn ältere Kinder noch im Elternschlafzimmer schliefen, bekamen diese sehr wohl mit, was sich im Ehebett abspielte. Niemand sprach darüber, und doch wurde es für die heranwachsenden Buben und Mädchen bald klar, warum wieder ein Geschwisterchen geboren wurde.

Die schon erwähnte Frau erzählte mir weiters, dass sie bei einem 15-jährigen Mädchen sah, dass deren Unterwäsche blutig war. In ihrer Sorge und Unwissenheit fragte sie deswegen ihre Großmutter. Sie bekam dafür zwei Watschen, gescheiter worden ist sie nicht. Als sie mit 16 Jahren zu ihrer Tante in Dienst kam, bekam sie selbst die erste Monatsblutung. Sie hatte Glück: Ihre Tante klärte sie auf und gab ihr fürs Erste, was sie brauchte. Ich bin 1946 geboren und wurde von meiner Mutter auch nicht aufgeklärt, jedoch von meinen Schwestern.

Wenn vermutet wurde, dass eine verheiratete Frau von einem anderen Mann oder ein verheirateter Mann mit einer anderen Frau ein Kind hatte, so wurde dieses unter vorgehaltener Hand „Fensterblochkind“ genannt.

Auch das Wort „Saugloggenlaitn“ (Sauglockenläuten) wird vereinzelt noch von älteren Leuten verwendet. Ich selbst habe das Wort einmal in einem Gedicht verwendet, da nahmen die Jungen und die Urlauber dies wörtlich und sahen die Sau mit einer Glocke um den Hals läuten. Man meint damit aber, dass jemand unflätige Witze oder eine ordinäre Unterhaltung führt.

Informationen zum Artikel:

Sex von Gestern

Verfasst von Barbara Moser

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-West, Murau, Krakauebene
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

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