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Ausflugsgebiete am Stadtrand Wiens

von Herbert Hacker

Das bevorzugte Ausflugsgebiet der Familie an Sonntagen war der Lainzer Tiergarten und die Lobau. Für mich waren diese Ausflüge schon deshalb besonders ereignisreich, da wir für die Hin- und Rückfahrt die Stadt- oder Straßenbahn benützten. Wochentags ging meine Mutter mit mir alle Wege zu Fuß. So zum Beispiel von unserer Wohnung bis in den 9. Bezirk zur damaligen Kinderannahmestelle, wo sich unter anderem auch ein Ambulatorium befand, in welchem ich oft untersucht wurde.

Den Lainzer Tiergarten betraten wir fast immer durch das Pulverstampftor nahe dem Forsthaus Auhof. Vorher aber fuhren wir mit der Stadtbahn bis zur Endstation Hütteldorf. Dann wanderten wir zu einer Wiese, an deren Ende sich am Waldrand ein kleiner Bach befand. Dort breitete der Vater eine große Decke zum Sitzen aus, und die Mutter servierte die obligaten Schnitzeln mit Gurkensalat. Nach dem Essen rasteten die Eltern oder lasen die Zeitung, während mein Bruder und ich beim Bach spielten.

Die Ausflüge in die Lobau fanden nur an heißen Sommersonntagen statt und waren mit Baden verbunden. Beim Heldendenkmal in Aspern verließen wir die Straßenbahn und marschierten einen für mich heute nicht mehr nachwanderbaren Weg zu einem ziemlich versteckten Gewässer. Dort waren meistens keine anderen Leute, und dem Badevergnügen stand nichts mehr im Wege. Gab es aber auch andere Badende oder fanden sie sich im Laufe des Tages ein, brach der Vater den Ausflug ab, da er sehr eifersüchtig war und niemand meine Mutter im Badekostüm sehen durfte.

Manchmal wenn die Mutter gerade Zeit hatte, spazierte sie mit meinem Bruder und mir im Hochsommer hinaus zu den Staubecken des Wienflußes. In einem dieser Becken befand sich ein Kinderfreibad welches von einem Gerinnsel der „Wien" durchflossen wurde. Dem Bruder war das seichte Wasser bald zuwider und er kroch in die Hochwasserdurchlassröhren der Staumauern, welche mit schweren, eisernen Schließklappen versehen waren. Natürlich war dies strengstens verboten, und manchmal verjagte ihn ein dort befindliches Aufsichtsorgan. Im Wasser des Kinderfreibeckens gab es ebenso wie im Wienfluß ziemlich viele Blutegel. Hin und wieder saugte sich einer an meiner Haut fest und die Mutter mußte ihn dann mit Grausen entfernen. Das dürfte letztendlich auch der Grund gewesen sein, daß wir diese Spaziergänge einstellten.

Der Wienfluß war in den 30er Jahren der Badeplatz der wenig begüterten Menschen. Wie das Bild zeigt, erhöhten sie den vorhandenen Staudamm, so daß sich dahinter brusthohes Wasser staute. Bald erhielt dieser Flußteil den Spitznamen Arbeitslosenriviera. Es versteht sich wohl von selbst, daß die zuständigen Behörden wenig Freude mit diesem Treiben der Arbeitslosen hatten.

Ansicht des aufgestauten Wien-Flusses in Wien-Hütteldorf mit zahlreichen Badenden
Die erhöhte Staumauer im Bereich Bräuhausbrücke in Wien-Hütteldorf (1930er Jahre)

Der Wienfluß wurde früher viel häufiger als jetzt seinem Namen gerecht. Bei Gewittern und bei der Schneeschmelze wurde er tatsächlich zum reißenden Gewässer. Oft stieg der Wasserstand bis zur Krone der Stadtbahnmauer und der Zugsverkehr mußte eingestellt werden.

Wenngleich ich es nicht mehr zeitlich einordnen kann, erinnere ich mich, daß übermütige jugendliche Burschen bei Tauwetter auf die im Wasser schwimmenden Eisschollen aufsprangen und einige Zeit mitfuhren. Einer von ihnen ist dann vor der Hietzinger Brücke ertrunken.

Informationen zum Artikel:

Ausflugsgebiete am Stadtrand Wiens

Verfasst von Herbert Hacker

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk, Hütteldorf, Wien-Fluss / Wien, 22. Bezirk, Lobau
  • Zeit: 1930er Jahre

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