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Die Kai-Runde

von Helmut Drechsler

Die Promenade - wie die Großeltern sie nannten - war anno Wiederaufbau noch weitgehend im Originalzustand, das heißt: wie zur Zeit der Monarchie, und hieß ursprünglich Kaiserin Elisabeth-Promenade.

Die meisten der gusseisernen Geländerteile auf der Stadtbahngalerie und viele der Drahtgeländer, die Grünflächen und Blumenbeete ursprünglich zu den Gehwegen abgrenzten, hatten 1945 im Zuge der Kampfhandlungen einiges abbekommen; grundsätzlich entsprach die Anlage aber noch dem Originalzustand. Ein erhalten gebliebenes Ensemble, einschließlich stark frequentiertem Pissoir.

Eine ganze Reihe von städtischen Parkbänken, sowohl auf der oberen Terrasse (genau über der Stadtbahngalerie) als auch auf der unteren, Rossauer-Lände-seitigen, luden zum Sitzen ein, eine Reihe ausladender Trauerweiden und monumentaler Pappeln entlang des Donaukanal-Treppelweges spendeten sogar oben - wenn erwünscht - ordentlichen Schatten. Der Oma war deshalb im Sommer die „herübere“ Seite, das rechte Kanalufer, sympathischer. Die sogenannte Lange Bank auf der „drüberen“ Seite stand zumindest in der prallen Nachmittagssonne und war deshalb als Aufenthaltsort für sie ungeeignet (diese Abneigung gegen Hitze habe ich, wie es aussieht, von ihr geerbt). Oma legte Wert auf einen vornehm-blassen Teint, und pflegte sich nur die Wangen leicht mit Rouge einzufärben. Überhaupt war ein Vormittagsspaziergang für sie nicht relevant, weil im Tagesablauf nicht vorgesehen.

ovales Foto von einem vornehm gekleideten älteren Paar, beide mit Hut, Frau in einem mit Pelz besetzten Mantel, an den Mann gelehnt
Meine Großeltern (1930er Jahre)

Was sollte sie - alleine bitte - auf der Straße? Ohne männliche Begleitung – das schickt sich nicht! Die täglichen Einkäufe waren Opas Sache, und sich mit Bekannten zu treffen – sozusagen außer der Tour – war total unüblich; da war ja die „Runde“, die lief ihr nicht weg, sie brauchte da nur hinzugehen. Oder auch nicht.

Ein Innenstadtbummel zwecks Auslagenbegutachtung war zwar interessant, aber wenig sinnvoll, da kaum Geld für Außertourliches zur Verfügung stand. Und längere Fußwege schätzte sie seit jeher nicht sehr; ihre Zehen waren stets hühneraugenbepflastert, da sie immer schon eine Schwäche für zu kleines Schuhwerk hatte – was keinesfalls als Eitelkeit gewertet werden darf.

Das Wort „Runde“ täuscht, oder hat – genau genommen – dreierlei Bedeutung:

Die eine Runde ist keineswegs eine solche; denn erstens ist es in irreführender Weise eine lange, gerade Reihe von Gartenbänken drüben im Brigittenauer Rosenpark, am linken Donaukanalufer, Blickrichtung Polizeigefangenenhaus. Dort sitzen Pensionisten, aufgereiht wie die Schwalben auf einem Telefondraht und beobachten teils still, teils kommentierend, die Vorübergehenden. Einen besonderen Anreiz bietet die lange Bank natürlich im Frühjahr, wenn die Sonne nach den eisigen Wintertagen freigebig ihre Wärme für die erkalteten Knochen zur Verfügung stellt. Eigentlich ist das die Runde, wo meist die Runde Nummer zwei anzutreffen ist.

Bei den derart Beobachteten, der anderen Runde nämlich, handelt es sich um viele ehemalige Kollegen aus dem (gemeinsamen) Amt, samt ehelichem Anhang und etlichen weiteren Bekannten, die in eben diesem Rayon ihre Verdauungsspaziergänge zu absolvieren pflegen. Ein Korso pensionierter Beamter, sozusagen. Alle hatten sie ihre Kindheit noch im neunzehnten Jahrhundert verbracht.

Man begegnete einander mit ausgesuchter Höflichkeit; die ständigen, galanten Handküsse und Titulierungen nahmen kein Ende. Die Zusammensetzung der Runde wechselte geringfügig, nur der Bestand schrumpfte im Laufe der Jahre aufgrund altersbedingten Ablebens merklich.

Beginnen wir einmal mit der Vorstellung der Honoratioren:

Da ist der verwitwete General P., ein sehr altes, großes und hageres Individuum. Er kommt mit der Bekanntenrunde infolge seiner Schwerhörigkeit nur mehr tangential in Berührung. Eine Verständigung mit ihm ist erfahrungsgemäß zu mühsam.

Der stattliche Oberst C. dagegen, ebenfalls Witwer, der wegen einer Kriegsverwundung eine (höchst interessante) Silberplatte im Kopf und so einen schwarzen Stoppel außen dran hat, der weiters immer durch sehr sorgfältigen Scheitel seiner einunddreißig silbergrauen Haare und tadellose Kleidung auffällt und von fast schon penetranter Höflichkeit ist, gehört bereits zum eigentlichen Kern der Runde. Der Oberst stellt das dar, was ich mir heute unter einem Salonlöwen vorstelle.

Besonders von diesen beiden Herrn mit den hohen Offiziersdienstgraden und dem noch folgenden Oberstleutnant R. hatte ich – zuerst spontan und durch spätere Informationen gefestigt – den Eindruck, dass es sich keineswegs um verwegene Schlachtenlenker, sondern um ehemals verwaltende Vollblutbeamte handelt, die vor ziemlich langer Zeit mit spitzer Feder verdienstvoll gegen ungeheure Aktenberge angekämpft und ausschließlich damit ihre Meriten erworben hatten.

Dann waren da Herr und Frau Oberstleutnant R. (selbstverständlich trugen die werten Gattinnen Dienstgrad oder Amtstitel des Herrn Gemahls). Er, dessen niemals versiegender Redefluss mit andauernden, bekräftigenden „Newoa, newoa“ versehen ist, gehört zur Spezies „elender Schwafler“, um den die Großeltern – wenn sie im Alleingang unterwegs sind – nach Möglichkeit einen großen Bogen machen. Als rotgesichtiger und wohlgenährter Koloss kontrastiert er seltsam zu seiner zaundürren Gemahlin, die, man weiß schon – gallig-gelblich von Angesicht – bei jedem sauren Lächeln, das sie mir schenkt, ihre faszinierend langen, gelben Zähne betrachten lässt.

In weiterer Folge zu erwähnen ist der kleine Amtsrat W., Witwer gleichfalls, sowie noch andere ehrbare, jedoch hier ungenannt bleibende Militärs, Hof- und Amtsräte samt Gattinnen – oder wenigstens durch ihre Witwen vertreten. Ein ehemaliger Amtskollege, der Amtsrat V., war übrigens plötzlich aus eigenem Entschluss nach Maria Enzersdorf emigriert und hatte damit jeden Kontakt zur Runde aufgegeben. Trotzdem war er oft in den Gesprächen präsent – vielleicht hatte er im Zuge seiner dienstlichen Tätigkeit besonders komplizierte „Fälle“ abgewickelt. Dass es diesen Amtsrat überhaupt gibt – üblicherweise waren die Gespräche der Erwachsenen für mich nebulos – erfuhr ich Jahre später, als meine Familie überraschend eine Einladung in das Haus des Amtsrates erhielt. Er war, von mir weiter nicht wahrgenommen, einige Male „Privatkunde“ meines Vaters in Sachen defekter Radioapparat gewesen.

So wankte man in Zweier- bis Dreierreihen dahin, vornüber geneigt, einheitlich die Hände am Rücken verschränkt. Meine Oma hielt sich seitlich etwas schief, was auf verrutschte Rückenwirbel zurückzuführen war.

In der kühleren Jahreszeit – und praktisch auch sonst – trugen alle Hut. Die Herrn, um ihn zum Grüßen abnehmen zu können, die Damen, um sich den Friseur zu sparen. Wenn es wirklich heiß war, hatte Oma zusätzlich ihren Sonnenschirm dabei.

Der Oberst war in der Runde bestens bekannt – oder gefürchtet – als Witzerzähler. Es war keine Frage, dass man ihn darauf – als gesellschaftliches Muss – schon seinerzeit im k. u. k. Offizierskasino gedrillt hatte. Mit schnarrender Stimme, militärisch kurz, erzählte er beispielsweise:

„Der kleine Franzi, bei der Hitlerjugend, bekommt sein Zeugnis. Der Papa, ein begeisterter Nazi, fragt nach dem Erfolg. Franzi nimmt Haltung an und brüllt: ‚Ein Volk, ein Reich, drei Vierer!’“

Hmhmhm. Man gab sich erheitert.

Ich war mir nicht sicher. Das soll lustig sein? Drei „Vierer“ im Zeugnis? Der Smetana Fritzi in meiner Klasse hatte zwei „Vierer“ im letzten Zeugnis. Der Fritzi fand das überhaupt nicht lustig, sondern hat geweint.

Die Witze waren in der Regel antiquiert, oft mit mehr oder weniger langem Bart behaftet. Egal. Ich als Kind musste ja nicht pflichtschuldig lachen. Was aber, wenn die anderen – weil sie die Pointe nicht verstanden, der Witz schon lange bekannt oder unlustig war – keine Miene mehr verziehen würden? Der Oberst würde sicher seine Witze-Reproduktion umgehend einstellen. Ein Oberst macht sich schließlich nicht lächerlich!

Was dann? Nicht auszudenken! Man würde künftig schweigend mitsammen im Kreis gehen, bis jemand dringend heim aufs Klo müsste, vorgeblich oder wirklich. Egal; ob mit Bart, seicht oder – Vorsicht die Damen! – leicht schlüpfrig; es war für die Runde doch irgendwie unterhaltsam. Der Oberstleutnant, geistig nicht mehr so ganz auf der Höhe, sah sich herausgefordert und versuchte sich gleichfalls am Witzerzählen. Allerdings vergaß er gelegentlich die Pointe, oder verwechselte sie trotz Assistenz seiner Gemahlin mit jenen anderer Witze. Bald stellte er seine Versuche wegen Erfolglosigkeit ein. Leseprobe trotzdem gefällig? Bitte sehr:

„Da wird also der Herr Meier, newoa, von einem Automobil angefahren. Newoa. Schwer verletzt, newoa. Kommt also ins Spital. Seine Gattin, aufs Höchste beunruhigt, newoa, besucht ihn. Ihr Mann aber wurde gerade operiert, noch bewusstlos. Newoa. Trifft sie den Primar: ‚Ich bitt Sie’, newoa, ‚Herr Primar, wird er davon kommen, mein Mann?’ Newoa. Sagt der – einen leichten Sprachfehler hat er halt –, newoa, sagt der: ‚Aber gnädige Frau, ganz ohne Sweifel! Da können S’, newoa, gans beruhigt sein!’ Sagt sie – haha … „Was? Ohne Schweiferl?! Na dann reflektiere ich nicht mehr auf ihn!’ Newoa? Hahahaha.“

Man beachte den Ausdruck „reflektiere“ in dem Zusammenhang! Ich verstand den Witz sowieso nicht, schon allein deshalb.

Es war also unklar, ob man als Witzerzähler die eigene Merkfähigkeit beweisen, die geistige Wendigkeit der anderen testen, oder gar den Damen, die etwa im gleichen Alter waren, imponieren wollte. Der Unterhaltungsaspekt war ja wohl weniger von Bedeutung. Gut, der Oberst war Witwer; aber der Langweiler von Oberstleutnant? Es war jedoch – für mich zumindest – auffällig zu beobachten, dass der es verstand, sich genau „getimed“ kräftig in sein Taschentuch schnäuzend, die oberst’sche Pointe zu kaschieren: „Tröööööt-prust! Tschuldigung, newoa, das hab ich jetzt leider nicht verstanden ...“

Der Neid ist ein Laster, und wenn es auch so ziemlich das einzige noch ausübbare war. Mein Opa, der bei diesen gesellschaftlichen Aktivitäten nicht zurückstehen wollte, notierte sich alle Witze, die ihm so unterkamen, in sein Notizbuch, und lernte sie anscheinend auswendig, bevor er sich öffentlich damit produzierte: „Kennen Sie den? Da trifft der Graf Bobbi den Graf Rudi und ...“

Interessanterweise unternahm der Oberstleutnant hier keinen Versuch, die Darbietung zu stören. Aus Standesdünkel? Der D. war doch nicht einmal Offizier gewesen. Seinerzeit. Newoa?

Mir kamen diese Verhaltensweisen durchaus bekannt vor. In meiner Schulklasse war dergleichen zu beobachten, wenn sich einer oder eine wichtig machen wollte. Der Karlheinz beispielsweise. Gut, ich will auch Oberst werden, newoa, dann hat man das Sagen.

Informationen zum Artikel:

Die Kai-Runde

Verfasst von Helmut Drechsler

Auf MSG publiziert im September 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 9. Bezirk, Rossauer Lände
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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