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Ein Fürsorgekind

von Luise Hörmann

Ich kam 1928 als drittes Kind einer ledigen Mutter in Wien zur Welt. Den Erzählungen nach wäre ich im Alter von 6 Monaten beinah ums Leben gekommen!

Das kam so: Meine Schwester, geb. 1926 und mein Bruder, geb. 1925, befanden sich, mit mir, dem Baby, kurzfristig allein in Mutters Wohnung. Ich hab wahrscheinlich geschrien und die beiden wollten mich beruhigen.

Jedenfalls, als Mutter wieder in die Wohnung kam, lag ich (im November) nackt beim offenen Fenster, zwetschkenblau, unterkühlt. Meine Schwester und mein Bruder hatten mich gebadet (kalt) im Wasserkübel, mit Salz und Pfeffer „eingestuppt“. „Da Franzi hat’s g’holt’n und i hob’s einpuppt“, so die Aussage meiner zweijährigen Schwester. Pfarrer Kneipp schwor Zeit seines Lebens auf kaltes Wasser, mir hat’s auch nicht geschadet, sonst würde ich nicht überlebt haben …

O mein Papa, war eine wunderbare Mann, o mein Papa war eine große Künstler …“ Er kam aus dem fernen Siebenbürgen, aus Hermannstadt. Er kam während des 1. Weltkrieges nach Wien, kehrte nicht mehr in seine Heimat zurück, lebte unter falschem Namen, sein richtiger Name war Hans, als Tischlermeister mit eigener Werkstatt, Gesellen, Lehrbuben etc. Er hatte eine Lebensgemeinschaft mit meiner Mutter bis 1930 in Wien und ließ sie dann mit drei Kindern sitzen. Als ich zwei Jahre alt war, verschwand er plötzlich (er ging Zigaretten holen) und da entdeckte man den falschen Namen.

Vielleicht war mein Vater auch ein Nazi? Er kam während des 2. Weltkrieges in den 40er Jahren wieder, Mutter wies ihn ab. Sie gab ihm auch keine Auskunft über unseren Aufenthalt. Er wollte angeblich für uns was tun.

Tja, dann sind so vage Erinnerungen meinerseits, z. B. mehrere Kinder, am Rockzipfel einer alten Frau hängend, nachlaufend und dabei rufend: „terrische Kapön“, es dürfte sich um meine schwerhörige Urgroßmutter gehandelt haben. Ein großer Raum, viele kleine Kinder, zu einer Frau aufschauend, fragend: „Bist leicht du mei Mama?“ Oder auf einem großen Stockerl sitzend, mit meiner Schwester, jemand fordert uns auf, auf einen gewissen Punkt hinzuschauen, da kommt ein „Vogerl“ heraus, es kam keins. Die Enttäuschung ist mir wohl im Gedächtnis geblieben, falls es überhaupt möglich ist, sich im Alter von zwei bis drei Jahren solche Dinge zu merken, oder war es die Trennung?

Meine Schwester und ich wurden in der Kinderübernahmsstelle im 9. Wiener Gemeindebezirk abgegeben (Vermerk – Geburtsurkunde). Somit war unser Schicksal beschlossen; der Bruder kam zu den Großeltern in Melk an der Donau. Unsere Spitznamen waren Mimi für Luise und Guggi für Wilma. Wir kamen zu unseren Kostplätzen bei einer Pflegefamilie in Holzern. Die hatten eine kleine Landwirtschaft (Keuschler), zwei Kühe, Schweine und Hühner. Von 1930 bis 1938 waren wir dort, dann ließen sich die Pflegeeltern scheiden.

In dieser Zeit sahen wir die leibliche Mutter zwei Mal. Beim ersten Besuch unterhielt sie sich mit Freunden im Garten und beim zweiten Mal kam uns die Pflegemutter am Schulweg entgegen und brachte uns Schuhe und Strümpfe und sagte: „Die Weana Muatta ist da!“, und wir durften Schuhe und Strümpfe anziehen.

Im Winter gingen wir mit den Holzschuhen und ab März bloßfüßig, „Vater“ zählte jeden Tag die Holznägel, ob ja keiner fehlt. Es gab „Schopfbeilats“, wenn wir einen Nagel verloren.

Am Schulweg bekam ich von der Mutter einer Schulkameradin einmal einen weißen Striezel mit Butter drauf. Ansonsten gab es nur Butter aufs Brot beim Butter-Rühren und das mussten wir umdrehen, wenn der „Vater“ herein kam. „Vater“ zählte die Brotbröckerl – 11 Bröckerl Brot für Rosa, 9 für Wilma und 7 Bröckerl Brot für mich, das war wie das Amen im Gebet –, aber nur kleine Schnitzer in die Stoßsuppe. Er saß immer allein auf einem Tisch und aß etwas, was wir nie sahen. Wir saßen allein auf einer ausrangierten Schulbank, meine Schwester, ich und Rosa, es gab „Ghackertknödel“, die kratzten im Hals, das waren Knödelbröckerl und Fleischbröckerl, die im Fett schwammen. Als Jüngste bekam ich das Schlechteste.

Am Gang mussten wir auf spitzen Scheitern knien, wenn wir etwas angestellt hatten. Rosa war auch ein Fürsorgekind, sie stellte schon Manches an, weil sie älter war, aber knien mussten wir immer alle drei.

Wenn die Hennen nicht legten, behauptete der „Vater“, wir hätten die Eier gestohlen. Dann mussten wir den Mund aufmachen und er steckte uns trockene Eierschalen in den Mund, die mussten wir essen.

Hinterm Haus war eine große Lacke, ein Acker und eine Wiese, da wurde eine Heumahd zusammengerecht. Schrollen zerschlagen mussten wir mit einem Rundholz, in dem ein Stiel eingebohrt war und damit zerschlugen wir die Schrollen (harte Erdbrocken am Acker), das musste ich schon als kleines Kind mitmachen.

Ein Stückerl trockenes Brot bekamen wir als Jause in die Schule mit und dazu suchten wir uns Obst, da wussten wir schon, wo es gutes gab. Die Schule war dunkel, und drei Schulstufen waren in einer Klasse beieinander mit zehn bis zwölf Kindern. Ich war ein Fürsorgekind und evangelisch dazu, ich musste immer am Gang stehen während des Religionsunterrichts.

„Unser Landl ist verhaut!“ Als der Hitler kam, sagte das eine ältere Schulkameradin. 1941 Kriegseinsatz in der Landwirtschaft, ich wurde vom 8. Schuljahr befreit, hatte keinen Abschluss der Volksschule. In der 7. Klasse durfte ich nur jeden zweiten Tag in die Schule gehen.

Ab meinem 11. Lebensjahr musste ich in der Landwirtschaft arbeiten. Als Fürsorgekind bei einem „Kleinhäusler“ von Februar 1939 bis September 1940, dann kam ich zu einem größeren Bauern, der war Ortsbauernführer, brauchte daher nicht einrücken. Ich war dort bis September 1942, bekam für drei Monate 30 Mark Lohn.

Am Bauernhof musste ich, wie die Erwachsenen, alle Arbeiten verrichten, die mir aufgetragen wurden, auch sonntags. Als ich mich weigerte, sonntags Wäsche zu waschen, wurde ich zum Bürgermeister gebracht und diese Amtsperson teilte mir in drohendem Ton mit: „Bei nochmaliger Arbeitsverweigerung sorge ich dafür, dass du ins KZ kommst!“

Mit 14 Jahren wurde ich römisch-katholisch getauft, dann machte ich das sogenannte „Pflichtjahr“ in der Landwirtschaft, wo ich 15 Mark Lohn bekam, wurde krank und kam als „freiwillige Helferin“ zur Familie meines späteren Mannes.

Ich wollte einen Beruf erlernen. Nach dem Krieg hoffte ich, es würde möglich sein, aber es kam alles anders. Ich habe nie die Geborgenheit eines Elternhauses kennengelernt.

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Porträt einer jungen Frau

I bin i

I bin net jung, i bin net reich.
I schau net der Liz Taylor gleich.
Noch mia wiard nia a Stroßn benennt,
wäu außa d’ Nachbarn mi neamt kennt.

Hob koa Patent, hob nix erfund’n
va dem d’ Schula lerna kunnt’n.
In da Dritt’n Wölt bin i net g’west,
woa nia ob’n om Mount Everest.

Ols Mannequin hot mi neamt woll’n,
i ko net jodl’n und net mol’n,
konn koane Liada komponier’n
und koane Konzerta dirigier’n.

Aus mia is oiso nit vü woan,
i kon holt grod nu Auto foahr’n.
Hob’s ganze Leb’n koan Spurt betrieb’n,
koane Romane und koane Biacha g’schrieb’n.

Va mia gibt’s koane Memoarn,
wäu de vü z’fad zan les’n warn.
Bis hiatzt hob i nu nia dalebt
wos mi va d’ aundan außahebt.

Renn wia ma sogt, so mit da Schoa,
wie’s ma viakimmt, gonz hint’ sogoar.
Nua oans tuat ma on mia so g’foll’n:
I leb so furchtboa gern, trotz oll’m.

Informationen zum Artikel:

Ein Fürsorgekind

Verfasst von Luise Hörmann

Auf MSG publiziert im Jänner 2016

In: Erinnerungsbücher

Aus dem Buch:

Frauengeschichten aus der Region Mank

Frauengeschichten aus der Region Mank
Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Niederösterreich, Mostviertel
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Aus dem Erinnerungsbuch "Frauengeschichten aus der Region Mank", Mank 2015, S. 33-35.

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