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Eine Ausfahrt mit dem Automobil

von Ludwig Pullirsch

Edl, der Bruder meines Vaters, hatte inzwischen ein Auto, das war eine Sensation. Die Marke führt er im Tagebuch nicht an, aber aus der Schilderung einer Ausfahrt mit seinem Bruder sehen wir, dass Autofahren damals ein Abenteuer war:

Abends kam ich nach Lambach und dort sah ich bereits im Hof des Klosters das neue Auto stehen.

Automobil der 1930er Jahre, stehend

Sehr fein, gefiel mir recht gut. Wir fuhren gleich nach Wels und ich stellte fest, dass das Werkl ganz ordentlich funktionierte. Am Sonntag fuhren wir um 10:00 vormittags nach Peuerbach ab, Mutter und Well rückwärts, ich vorne neben Edi. Bis Wels ging alles recht gut. Auf der Straße nach Scharten, so etwa 800 bis 1.000 Meter von der neuen Kirche entfernt, lag auf der linken Straßenseite ein Teich. Das Wasser floss in einer Länge von 20 Metern über die Straße, es war ungefähr einen halben Meter tief.

Hinein ging’s ganz flott, das Wasser spritzte nur so in die Höhe, aber hop – in der Mitte des Gewässers blieb unsere Limousine stehen. Niemand konnte aussteigen – wir standen mitten im Wasser. Zum Glück hatte ich die Gummistiefel an und so stieg ich frisch und fröhlich ins Wasser und begann den Wagen aus der Überschwemmung zu schieben. Vorne griffen einige Zuschauer zu und so kamen wir bald heraus. Nun ging der Wagen nicht mehr. Die Startbatterie war vom Vortage ganz erschöpft und die Kurbel – ha, ha – hatten wir in Lambach vergessen.

So wurde nun die stolze Limousine geschoben, bis der Motor ansprang. Frisch hinein und schon ging’s wieder dahin – über Berg und Tal – hinauf gegen Eferding. Ich musste auf Edls Befehl die Klappen vorm Kühler öfters zumachen, denn, so erklärte er, der „Zwölfer“ braucht Wärme. Ha, ha! Der Motor wurde immer heißer. Da Edl das Schalten noch nicht so gut konnte, fuhren wir viel mit der Zweiten oder gar manchmal mit der Ersten. Das Motörchen machte zeitweise einen recht ermatteten Eindruck. Plötzlich tat es einen Pflutscher und der Kühler stieß Dampf und heißes Wasser aus, sodass wir stehen bleiben und warten mussten. So hangelten wir uns weiter über Berg und Tal.

Zwischen Waizenkirchen und Peuerbach ging’s plötzlich wieder nicht so recht. Wir füllten Öl nach, denn der Messer zeigte fast nichts mehr an. Ich musste unters Auto kriechen und Schrauben anziehen, denn Öl tropfte heraus. Frisch und froh ging’s dann mit der Ersten wieder weiter, und endlich kamen wir zu Lenz nach Peuerbach. Er zeigte sich über unseren Besuch sehr erfreut, wir besichtigten alles und verzehrten dann eine Jause.

Um 3:30 nachmittags fuhren wir wieder ab. Auch auf der Rückfahrt mussten wir einmal stehen bleiben, denn dem Motor ging’s nicht recht gut. Er war wieder zu heiß. Aber Edl sagte noch immer, der „Zwölfer“ braucht’s heiß. So warteten wir wieder und anschließend fuhren wir frisch und froh weiter. Oft gab’s Fehlzündungen – Edl meinte von der Wasserfahrt, aber ich war überzeugt, der Motor ist wieder zu heiß geworden.

Am Bahnhof in Wels setzten sie mich ab und ich fuhr von dort mit dem Personenzug nach Steyr.

mehrere Personen rund um ein Automobil der 1930er Jahre
Vor der Abfahrt nach Dänemark (Juli 1934)

Informationen zum Artikel:

Eine Ausfahrt mit dem Automobil

Verfasst von Ludwig Pullirsch

Auf MSG publiziert im August 2013

In: Erinnerungsbücher

Aus dem Buch:

hineingeboren III – 1930–1941

hineingeboren III – 1930–1941
Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Hausruckviertel, Lambach, Wels, Eferding u.a.
  • Zeit: 1931

Anmerkungen

Aus dem Erinnerungsbuch von Ludwig Pullirsch: hineingeboren III. Aus den Tagebüchern meines Vaters. Vom Ständestaat zum Nationalsozialismus, 1930-1941, Steyr 2011, S. 19-21.

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