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Wald- und Holzarbeiten

von Hans Rieder

Das Fällen von großen, starken Eichen oder Föhren bedeutete immer eine sehr anstrengende und auch gefährliche Arbeit. Dabei bedurfte es großer Erfahrung und Übung, dass der Baum so fiel, wie man es sich vorgestellt hatte. Zunächst wurde an der Seite des Stammes, auf die der Baum dann fallen sollte, von zwei Männern ein tiefer Keil herausgehackt. Danach wurde auf der gegenüberliegenden Seite mit einer 2 Meter langen Zugsäge der Stamm etwas schräg nach unten zugeschnitten. Das konnte je nach Baumstärke oft bis zu einer Stunde, manchmal sogar auch noch etwas länger dauern. Wie der Baum zu fallen hatte, kam auf die Krone an, die meist auf einer Seite mehr Überholz hatte und dadurch die Fallrichtung des tonnenschweren Riesen bestimmte.

Der gefährlichste Augenblick war natürlich der, wenn der Koloss zu Boden krachte. Manchmal half da ein dritter Mann mit den Händen noch etwas nach, doch wenn ein Knistern zu hören war, rief einer „Er foit scho“, und alle Beteiligten liefen sofort in Sicherheit. Das hatte blitzschnell zu erfolgen, denn ein sich neigender Baum konnte durch eine plötzliche Windböe seine Fallrichtung stark verändern. Daher wurde immer aufgeatmet, wenn so ein Riese endlich auf dem Boden lag. Auch durch zerberstende Äste, die durch den Aufprall durch die Luft flogen, kam es immer wieder zu Unfällen.

Mir fallen dazu zwei tragische Ereignisse ein.

Im Jahre 1947 kam Herr Hirtl aus Poysbrunn aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Einige Tage später ging er schon mit einigen Kollegen in den Wald, um eine Eiche umzuschneiden. Nach den üblichen Vorbereitungsarbeiten ertönte dann der Ruf „Er foit“, und der Baum fiel auch in die gewünschte Richtung. Das Kronenholz streifte dabei allerdings eine andere noch stehende Eiche, wobei ein Ast weggerissen wurde, der dann Hirtl traf und tödlich verletzte.

Am 30. 3. 1977 ereignete sich in Poysdorf ein folgenschwerer Unfall. Der Fleischhauermeister Johann Uchatzy brachte einem Waldarbeiter das Mittagessen und schaute diesem nur kurz zu, wie der gerade eine Föhre umschnitt. Der Baum fiel dann nicht ganz in die gewollte Richtung, stürzte noch dazu auf eine schon gefällte andere Föhre, wodurch ein Ende des gefallenen Baumes wieder hochschnellte und den völlig überraschten Mann am Kopf tödlich verletzte.

Auch der Abtransport der gefällten Bäume war nicht ganz ungefährlich. Diese oft sehr schweren, bis zehn Meter langen und ein bis zwei Grifflängen starken Bäume mussten nun aufgeladen werden. Dabei versteht man unter einer Grifflänge den Abstand, den ein Mann mit beiden Armen umgreifen kann. Zum Aufladen diente ein einfacher, langer Baumwagen, der im Wald zerlegt wurde. Der Vorderteil, an den die Pferde gespannt waren, hatte einen drehbaren Kipfstock, auf den der Baum zuerst mit der starken Seite mittels eines einfachen Holzhebers hinaufgehoben wurde. Der Stamm wurde dabei so hoch angehoben, dass man den Vorderwagen rückwärts unter diesen schieben konnte, wo er dann mit einer Kette am Vorderwagen befestigt wurde. Derselbe Vorgang wiederholte sich dann am anderen Ende des Stammes, wobei wieder Wagen und Baum durch eine Kette fest verbunden wurden. Dabei musste man gut darauf achten, dass die Ketten keine Möglichkeit hatten, sich während der Fahrt zu lockern. Das Hebzeug und alles, was dazu gehörte, wurde auf dem Stamm wieder mit Ketten festgemacht und anschließend ging es dann heimwärts. Auf sehr abhängigem und feuchtem Waldboden kam es auch vor, dass so ein Gefährt abrutschte und umkippte. Ein Vorfall dieser Art ist mir noch gut in Erinnerung.(...)

Der Wald lieferte nicht nur Brennholz, sondern auch das Ausgangsmaterial für verschiedenste Geräte und Gegenstände. Der Weinbauer benötigte Fässer, Bottiche, Schosskor, Schaffel, Büttel, Amper, Gießkor, Krickerl und Ähnliches mehr.

Da waren zunächst einmal die Weinstecken, die der Winzer für seine Stockwein­gärten brauchte. Zum Herstellen der Stecken wurde dem Holz von Föhren und Lärchen der Vorzug gegeben. Man trachtete, dass der Stamm möglichst lang astfrei war. Das Fällen erfolgte mit Hilfe von Axt und Zugsäge. Mit einem „Holzheber“, einer alten Methode, konnte man die größten und schwersten Bäume spielend leicht auf einen Wagen heben. Zu Hause wurden die Bäume in circa 1,70 Meter lange Rollen geschnitten und anschließend mit Holzschlägel und Eisenkeil gespalten. So wurden die Weinstecken hergestellt, die zu Tausenden Stück jährlich in Poysdorf während der Winter- und Frühjahrszeit für Beschäftigung sorgten. Nach dem Spalten spitzte man die Stecken auf einem Hackstock etwas zu, damit sie sich leichter in den Boden schlagen ließen.

Bei den Eichen war die gleiche Arbeit zu verrichten. Deren Holz brauchte man, um Weinfässer zu bauen. Dabei wurden die späteren Fassdauben aus den Rollen gespalten. Je nach Fassgröße schnitt man Rollen mit einer Zugsäge, die ungefähr zwei Meter lang war und von zwei Personen bedient wurde. Zum Spalten der Eichen zu Dauben kam ein Bindermeister mit seinen Gehilfen ins Haus, die gekonnt aus den Rollen brauchbare Stücke produzierten. Nach dem Spalten wurden die Rohlinge mit einem Breitbeil fein nachgearbeitet. Die fertigen Dauben wurden anschließend auf einem geeigneten Platz zu dem sogenannten „Daubenkasten“ aufgeschichtet, sodass das Holz austrocknen konnte. Man legte dabei zwei Dauben in gleicher Richtung, die beiden nächsten über Kreuz usw. auf. Diese Holzstapel erreichten je nach Bedarf eine Höhe bis zu drei Meter. Da diese Anordnung der Dauben für gute Belüftung sorgte, trocknete das Holz sehr gut. Diese Daubenkasten standen dann Jahre lang bis zur Verarbeitung durch einen Fassbinder in der Nähe des Hauses. Spezialisten, wie zum Beispiel der Fassbinder Mikula einer war, bauten Daubenkästen, die wesentlich höher als drei Meter waren, wie man dem nebenstehenden Bild leicht entnehmen kann.

 

fünf Personen und ein Hund neben einem großen Weinfass und vor zwei enormen Türmen von aufgeschlichteten Faßdauben und Fässern

Ein niedrigerer Daubenkasten diente den Kindern oft als Spielplatz, weil durch Bretter, die sie zwischen die Dauben hineinschoben, ein kleiner abgegrenzter Bereich, eine „Wohnung“ entstand, die sie nach Belieben einrichten konnten. Offensichtlich war dieses Spiel der Kleinen ein Sehnen nach Freiraum, wenn man bedenkt, dass damals oft mehrere Kinder in einem Raum, ja manchmal sogar zwei bis drei in einem Bett miteinander schlafen mussten, wo es doch Familien gab, die zehn und mehr Kinder hatten.

Auch aus Akazienholz wurden Weinfässer erzeugt, die den Vorteil hatten, dass der erstmals eingefüllte Wein keinen Neugeschmack, das „Neul“, bekam. Außerdem erhielt der Wein einen leicht süßlichen Geschmack, der sich aber nicht störend bemerkbar machte. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen immer mehr die Säge­werke die Erzeugung der Weinstecken und Fassdauben.

Buchcover

Informationen zum Artikel:

Wald- und Holzarbeiten

Verfasst von Hans Rieder

Auf MSG publiziert im Mai 2010

In: Erinnerungsbücher

Aus dem Buch:

Hans Rieder's Erzählungen & Abenteuer

Hans Rieder's Erzählungen & Abenteuer
Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Poysdorf
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch "Hans Rieder's Erzählungen & Abenteuer", Poysdorf 2005, S. 41 ff., wieder.

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