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Vom Schreiben mit dem Federstiel

von Eva Novotny

Vier Federstiele liegen vor mir am Tisch.

zwei Federstiele, eine Feder und ein Tintenfass auf einem Tisch

Einer davon war meiner, als ich in der zweiten Klasse Volksschule damit die Schreibschrift zu schreiben hatte. Ein Tintenfass war in die grüne Schulholzbank eingelassen, und mit verkrampften Fingern hielt ich den Federstiel, in dem eine Spitzfeder steckte. Ich tauchte ihn in die Tinte und kratzte am schlecht geleimten Papier. Es fiel mir schwer, zügig zu schreiben, und oft hatte ich die Feder nicht gut abgestreift und die zu viele Tinte verursachte einen Tintenpatzen am Papier. Die Finger waren immer blau. Der Patzen musste mühsam mit der blauen Seite des Radiergummis entfernt werden, aber danach war das Papier noch rauer und der Strich ganz ausgefranst. Ich schaffte es nicht, schön zu schreiben.

Die Feder war nur schwer aus dem Federstiel herauszubekommen, da benötigte ich oft Hilfe meiner Eltern. Im Zeugnis stand ein Dreier in Schreiben, was mich sehr traurig machte.

Das Löschblatt hatte eine wichtige Funktion, denn es sollte unter der Hand liegen, damit das Papier nicht etwa fettig wurde und die Tinte nicht annahm. Auf Großvaters Schreibtisch lag noch eine Löschwiege neben dem schweren Tintenzeug, das ein metallener Elefant bewachte. Sie war aus gebogenem Holz, dick mit vielen Lagen Löschpapier umwickelt, von dem man, wenn die oberste Schicht schon voller Tinte war, diese entfernen konnte.

Meine Mutter hatte Verständnis für mein schlechtes Schreiben gehabt, denn zu ihrer Schulzeit, nach dem Ersten Weltkrieg, wurde noch viel strenger beurteilt. Sie zeigte mir ihre Hefte, geschrieben in deutscher Schrift, in denen sie große Buchstaben mit Haar- und Schattenstrichen hatte üben müssen. Ich bestaunte die Hefte und meinte, dass ich das nie so schön gekonnt hätte.

schöngeschriebene Buchstaben auf einer Heftseite

Aber schon im Gymnasium, als wir in der ersten Klasse ein Fach „Schönschreiben“ hatten, war das Papier glatter, und so ließ sich auch die Feder leichter darüberstreichen und ich schrieb daher auch schon viel besser. Wir durften verschiedene Federn ausprobieren – Redis- und Breitfeder ebenso wie die Spitzfeder – und schrieben auf kariertem Papier lange Texte. Der Federstiel hatte nun eine Mechanik, mit der man die Feder viel leichter wechseln konnte und keine Erwachsenenhilfe mehr benötigte.

Aber auch Großmutter hatte noch ihre ersten Schulhefte aufgehoben aus den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, und auch diese durfte ich bewundern. Lesen konnte ich die Schrift nicht, denn sie war in einer Budapester Schule und musste auf Ungarisch schreiben.

drei Federstiele

Vielleicht lag es ja am Federstiel, dass es die Vorfahren besser konnten? Der von Großmutter war ein Prachtstück, versilbert mit einem Blümchen aus roten Steinchen. Im Gegensatz dazu gab es einen hölzernen Federstiel, an dessen Ende eine Faust geschnitzt war. Was sie wohl bedeutete im Jahr 1916, als der Kaiser starb und Südtirol umkämpft war? Man nahm die Federstiele ins neue Heim nach Linz mit, als man die Heimat hatte verlassen müssen, und bewahrte sie auf.

In der Oberstufe des Gymnasiums schrieben wir mit Füllfeder. Diese gibt es leider nicht mehr. Die Tinte wurde wie bei einer Spritze aufgezogen und da fiel das lästige Eintunken weg und die Schrift wurde zügig und glitt schnell übers Papier. Tintenpatzen gab es da allerdings auch noch, wenn man nicht vorsichtig genug war. Wie freute ich mich, als ich zu Weihnachten dann eine schöne neue Füllfeder bekam. Dünn sollte sie schreiben, das hatte ich mir gewünscht.

Ab wann es dann eine mit einschiebbaren Patronen gab, kann ich mich nicht mehr erinnern. Das Tintenfläschchen, das manchmal kleine Katastrophen verursachte, wenn es sich über Tisch und Kleider ergoss, hatte für eine Zeit lang ausgedient und die Tintenfinger waren zur Seltenheit geworden.

Während meines Studiums mussten wir auch zwei Semester Schrift und Heraldik belegen. Was war das für eine Plage, die Schriftblätter auf buntem Tonpapier mit Tusche oder mit Wasserfarbe auszuarbeiten. Man musste die Farbe mit dem Pinsel für jeden Buchstaben neu auf die Feder streichen. Nächte saß ich dabei, denn auf dem Tonpapier konnte man nichts ausbessern, und wenn es einen Schreibfehler gab, dann hieß es, ein neues Blatt beginnen. Noch dazu mussten wir verschiedene Blätter in gotischer Schrift, andere mit Buchstaben in großem Format schreiben und oft noch Wappen oder Embleme einfügen, ein mühsames Unterfangen. Löschpapier war wieder wichtig geworden, obwohl es zuletzt schon schwer zu bekommen war.

Noch in den Neunzigerjahren musste ich die Plakate für unsere Chorkonzerte mit der Feder schreiben …, aber da hatte ich schon eine Art-Pen, eine Feder, die mit Patronen gefüllt werden konnte und deren Spitzen man auswechseln konnte. Nicht lange wurde sie benützt, bis nämlich jede Schrift vom Computer, an dem man eine Riesenauswahl an Größen hat, abgelöst wurde.

Heute zeichne ich gerne mit dem Fineliner, weniger gern mit einem Gelstift. Der praktische Fineliner ist ausgiebig, seine Spitze verändert sich nicht und man kann lange damit zeichnen und schreiben.

Manchmal allerdings fehlt das gewisse Etwas, das den unregelmäßig langsam verblassenden Strich einer Feder ausmachte und einer Zeichnung mehr Leben einhauchte als der immer gleichmäßige Strich der Fineliner.

beschriebene Schulheftseite
Mein Heft aus der dritten Klasse Volksschule

Informationen zum Artikel:

Vom Schreiben mit dem Federstiel

Verfasst von Eva Novotny

Auf MSG publiziert im Juni 2016

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Österreich
  • Zeit: vor 1900, 1910er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre, 1990er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag entstand im April 2016 aufgrund einer Anregung im lebensgeschichtlichen Gesprächskreis im Wien Museum, erinnerungswürdige "Dinge des Alltags" zu beschreiben.

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