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Dr. med. Ruth Deutsch Lechuga aus Wien (19202004)

von Ingrid Decker

Dr. med. Ruth Deutsch wurde im Februar 1920 in Wien geboren. Da sie kurz nach dem Ersten Weltkrieg das Licht der Welt erblickte, waren ihre frühe Kindheit und Jugend von Knappheit und Entbehrungen geprägt. Sie gewöhnte sich daran, nicht alles haben zu können, was das Herz begehrte und was ein Kind sich damals wünschen mochte. Bis zu ihrem Tod hat Ruth Deutsch Lechuga den Mangel der frühen Jahre nicht vergessen und ging sorgsam mit allen Dingen des Lebens um, auch mit Lebensmitteln.

Ihr Vater Arnold Deutsch wurde in Wien geboren, aber dessen Mutter stammte aus Mislitz in der früheren Tschechoslowakei, wo einige ihrer Verwandten lebten. Er war politisch linksorientiert, aber kein Kommunist. Arnold Deutsch war Kaufmann und schätzte die schönen Künste. Die Zeit des Austrofaschismus mit den Kanzlern Engelbert Dollfuß (1933–1934) und Kurt Schuschnigg (1934–1938) hatte Ruth noch in guter Erinnerung, besonders die Umstände, die zur Ermordung von Dollfuß(1) am 25. Juli 1934 führten.

Drei Tage lang kam es im Februar 1934 in Wien zu bürgerkriegsähnlichen Kämpfen, bei denen Militär, Polizei, Gendarmerie und Heimwehrverbände den Widerstand linker Kräfte des Landes niederschlugen. Zentren des Widerstands in Wien waren Arbeiterheime und Gemeindebauten(2) (u.a. der Karl Marx Hof). Die Februar-Kämpfe kosteten auf beiden Seiten rund 300 Menschen das Leben, über die genaue Zahl streitet man heute noch. Die Wohnung der Familie Deutsch lag in der Nähe eines Gemeindebaus, von dem die Schüsse zu der damals 14-jährigen Ruth herüberhallten, so dass sie auch Jahrzehnte später bei jedem lauten Geräusch aufschreckte.

Ruths Vater sprach mit ihr früh über Politik und überzeugte sie, dass eine sozialdemokratisch geprägte Regierungsform die einzig humane und einigermaßen gerechte sei. Arnold Deutsch war nicht religiös, während Ruths Großeltern mütterlicherseits – Familie Reis – die jüdischen Feiertage einhielten. Nicht nur die politische Gesinnung des Vaters blieb für Ruth ein Leben lang Vorbild, sondern auch sein ausgeglichener, liebenswürdiger, verständnisvoller Charakter.

Ihre Mutter, Angela Deutsch (geb. Reis), schilderte sie als warmherzige Frau, die niemandem etwas abschlagen konnte. Ruth erinnerte sich an den polnischen Akzent der Großmutter mütterlicherseits und wie sie sich in jungen Jahren dessen geschämt hatte. Sie selbst sprach, wie sie mir gegenüber im Gespräch über die Großmutter betonte, weder Englisch noch Spanisch akzentfrei.

Ruth wuchs mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Hans in Wien auf, und die Eltern taten alles Erdenkliche, um ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Ruth besuchte in Wien das Realgymnasium; sie und eine Klassenkameradin waren die einzigen jüdischen Schülerinnen der ganzen Schule. Mit dieser einzigen Vertrauten verband Ruth eine herzliche Freundschaft. Die beiden Mädchen besuchten sich gegenseitig zu Hause und verbrachten ihre Freizeit miteinander. Zu den anderen Mitschülern und Mitschülerinnen hatten beide Geschwister in den acht Jahren ihrer Schulzeit privat überhaupt keinen Kontakt.

Ruth beschrieb die Wiener allem Fremdartigen gegenüber als sehr zurückhaltend und verschlossen. Deshalb wunderte sie sich nicht, dass sie als Kind nicht ein einziges Mal in eine Wiener Wohnung eingeladen wurde. Hingegen wunderte sie sich sehr, dass die unzugänglichen und zugeknöpften Wiener den Deutschen einen so enthusiastischen Empfang bereiteten und in massenhysterische Verzückung ausbrachen, als Hitler ihnen im März 1938 mit dem sogenannten "Anschluß" das Heil zu bringen schien. Zig-Tausende jubelten, schrieen und winkten dem "Führer" zu. Als deutsche Truppen auf dem Wiener Heldenplatz marschierten, glichen sie mit ihren versteinerten Mienen in Ruths Augen Robotern, gefühlskalten Maschinen oder "aufgezogenen" Marionetten. Sie empfand es als unmenschlich und entwürdigend, dass sich diese Menschen dem militärischen Drill, der eher an eine Dressur von Tieren erinnerte, mit so viel Begeisterung hingaben.

Entsprechend den Grundsätzen der Erziehung, die sie erhalten hatte, war dem jungen Mädchen klar, dass es in einem solchen Land nicht leben konnte. Ruth wusste auch, dass es nach einer Entscheidung kein Zurück mehr für sie geben würde. Nach der Pogromnacht am 9./10. November 1938 beschloss die Familie, Wien so schnell wie möglich zu verlassen und bemühte sich zunächst um eine Ausreise nach Holland, da dort angeblich eine gewisse Toleranz gegenüber Juden herrschte. Das gelang aber nicht, nur der damals 15-jährige Hans durfte, da er minderjährig war, ungefähr sechs Wochen in Holland bleiben.

Anfang 1939 verließ das Schiff, das sie über die Vereinigten Staaten von Amerika nach Mexiko bringen sollte, den Hafen von Vlissingen. Nach Ruths Beschreibung handelte es sich um ein recht altes Schiff, das mit den Exilanten wohl seine letzte Reise angetreten hatte. Der Weg führte zunächst nach New York, wo sie eine Nacht auf Ellis Island(3) blieben. Ein Cousin des Vaters, der in New York lebte, holte sie ab. Im Getümmel von Ellis Island erlebte Ruth ihren 19. Geburtstag.

In Mexiko lebten bereits Angehörige, die sich für die Familie Deutsch verbürgt hatten, weshalb diese – wie Ruth immer betonte – nie die Absicht hatte, in Nordamerika zu bleiben. Sie hatte ihr Visum für Mexiko. Die tschechische Großmutter, die Mutter von Arnold Deutsch, wurde später nach Mexiko nachgeholt. Auch alle Geschwister, väterlicher- wie mütterlicherseits konnten sich nach Mexiko retten. Die entfernte Verwandtschaft in Europa blieb für immer verschollen, sie war der Schoah zum Opfer gefallen.

Nachdem die Deutschs Ende Februar 1939 in Mexiko-City angekommen waren, dauerte es einige Zeit, bis sie sich eingelebt und einigermaßen die Sprache erlernt hatten. Ihre erste Wohnung bezog die Familie in der Calle Amsterdam, Ecke Yucatan. Bevor sie 1956 endgültig in die Calle Pachuca zog, lebte sie noch eine Weile in der Articula 123.

Die gesamte Familie genoss das neuartige Leben, das herrliche Klima und die Andersartigkeit der Menschen. Gerne erinnert sich Ruth an die sonntäglichen Spaziergänge im Alameda-Park, wo an Sonn- und Feiertagen eine Musikkapelle gratis spielte. Bald wurde sie vertraut mit dem bislang ungewohnten Geruch und Geschmack der frischgebackenen Mais-Tortillas, die an allen Straßenecken der Stadt verkauft wurden. Damals gab es noch keinen chaotischen Straßenverkehr, und die Luft war noch sauber und kristallklar. Mexiko-City liegt 2.310 m über dem Meeresspiegel und hatte vor 60 oder 70 Jahren noch ein sehr gutes und gesundes Klima, während die Stadt heute in der Luftverschmutzung weltweit zu den Spitzenreitern gehört. Mexiko-City war ein regelrechter Luftkurort. In der näheren Umgebung gibt es bedeutende Heilquellen; die Badeorte wurden damals schon von Heilsuchenden stark frequentiert und sind noch heute beliebte und bekannte Besucherziele.

Vater Arnold Deutsch konnte hier in Mexiko mit Begeisterung seinem Hobby nachgehen, der Archäologie. Am Wochenende nahm er seine Familie zu den entlegensten Plätzen mit. Manchmal startete er die Wochenendentdeckungsfahrten allein mit seiner Tochter. Ruth zufolge gibt es keinen alten Stein, keine prähispanische Mauer und keine Ausgrabungsstätte, die sie nicht besuchten. Arnold Deutsch hatte sich bereits in Wien mit ägyptischer und griechischer Kunst und Kultur befasst, nun boten sich ihm hier in Mexiko herrliche Vergleichsmöglichkeiten. Ruths Vater starb 1991 mit 96 Jahren in Mexiko-City. Er war in jeder Beziehung Ruths Vorbild.

Ruth Deutsch war gerade 19 Jahre alt, als sie mexikanischen Boden betrat. Sie hatte in Wien ihr Abitur gemacht, aber wegen der neuen NS-Gesetze wäre sie nicht zum Studium zugelassen worden, weil sie Jüdin war. Ruth zufolge hat jeder Einwanderer in Mexiko, der das Dokument FM3 (Aufenthaltsgenehmigung) erhält, die Freiheit zu tun, was ihm oder ihr gefällt. So konnte sie ein Medizinstudium beginnen und sich außerdem über das demokratische Leben in Mexiko freuen, das in ihrem Herkunftsland fehlte.

Bereits während ihres Studiums arbeitete Ruth im Labor des alten "Hospital Americano" in der Gabino Barreda Straße, wo sie auch nach dem Studium blieb. Als das Krankenhaus-Labor geschlossen wurde, arbeitete sie für ihren Chef weiter, der zusammen mit seiner Frau ein eigenes medizinisches Laboratorium eröffnet hatte. Nach seinem Tod übernahm Ruth die Leitung des medizinischen Instituts, und überwies der Witwe jeden Monat eine Rente. In ihrem eigenen

Labor in der Calle Reforma erledigte sie später vorwiegend Aufträge der amerikanischen Botschaft. Sie untersuchte das Blut der Emigranten, die in die Vereinigten Staaten auswandern wollten, auf ansteckende Krankheiten. Als die amerikanische Botschaft das Analyselabor nach Ciudad Juarez verlegte, nahm Ruths Leben eine neue Wende.

Im Jahre 1951 heiratete Dr. med. Ruth Deutsch den Röntgenarzt Carlos Lechuga, den sie bereits während ihres Studiums kennengelernt hatte. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Vater unternahm sie viele Entdeckungsreisen durch Mexiko, und Carlos Lechuga ließ sich gerne von ihrer Begeisterung für die Natur, die alten Kulturen und die Indios anstecken.

Schon während ihrer ersten Erkundungsreisen hatte Ruth Deutsch Lechuga kleine handgearbeitete Objekte erworben, die damals nur wenig kosteten. Mit der Zeit war schließlich eine stattliche kunsthandwerkliche Sammlung entstanden. Anfang der 1970er Jahre arbeitete Ruth als Beraterin und Einkäuferin für eine Abteilung des "Fondo Nacional para el fomento de las Artesanias", des Staatlichen Instituts für Volkskunst.

Insgesamt 17 Jahre lang war Ruth im "Museo de Altes e Industrias Populäres" (Museum für Volkskunst) zusammen mit der Direktorin Teresa Pomar tätig. Der Umgang mit Menschen war für sie eine Herausforderung. In entlegenen Dörfern musste sie mit den Indios beim Erwerb von Museumsstücken verhandeln. Zusammen mit Teresa Pomar organisierte sie Ausstellungen, die sie auch dreimal nach Europa führten.

Die erste Ausstellung fand in einem kleinen Dorf in der Toscana statt. Anfang der 1980er Jahre führte Ruth die Mitarbeit an einem Katalog für den modernen mexikanischen Maler Rafael Coronel kurze Zeit nach Andalusien,

Ebenfalls in den 1980er Jahren flog Dr. Ruth Deutsch Lechuga als mexikanische Abgesandte des "World Craft Council" zu einem zweiwöchigen Kongress nach Wien. Dies war nach vielen Jahren die erste und letzte Begegnung mit ihrer Heimatstadt. Immer noch fasziniert von dieser Stadt meinte sie, dass man ein gigantisches Museum hätte, wenn man ein Dach über Wien ausbreiten könnte. Ruth hatte jedoch nicht das Gefühl, hier wieder zu Hause sein zu können.

Seit 1956 wohnte Familie Deutsch im Künstlerviertel Colonia Condesa, Calle Pachuca. Zuerst bewohnte eine Tante, die Schwester ihres Vaters, eine Wohnung im 2. Stock des Gebäudes. Zu ihr gesellte sich später die ebenfalls ausgewanderte Großmutter. Schließlich zog die Familie Deutsch zu viert in die Nachbarwohnung,

Die Altbauwohnungen in der Calle Pachuca sind großzügig angelegt und lichtdurchflutet. Trotzdem konnte Ruth ihre mit Leidenschaft gesammelten Kunstwerke anfangs nur in einem Zimmer aufbewahren. Kisten und Kartons lagerten außerdem unter ihrem Bett, verstopften Ecken und freie Plätze und verhinderten, dass sich Türen weit öffnen ließen. Erst als ihr Bruder Hans auszog, konnte sie sich in seinen ehemaligen Räumen ausbreiten und vergrößerte dann ihre Ausstellungsräume nach dem Tod von Großmutter und Tante noch einmal durch einen neuen Zugang zur Nachbarwohnung. Selbst jetzt reichte der Platz für die große Sammlung kaum aus. Im Jahre 2000 war Ruth dabei, im Haus in der Calle Pachuca eine dritte Wohnung zu kaufen, damit alle ihre Ausstellungsstücke besser zur Geltung kämen. Sie erhielt dafür einen einmaligen Zuschuss vom FONCA ("Fondo Nacional para la Cultura y las Artes", Staatliche Förderung für Kunst und Kultur).

Porträt der Autorin als alte Frau
Dr. med. Ruth Deutsch Lechuga und ihr Museum in Mexiko-City (Fotos: Ingrid Decker)

Mit Kunsthandwerk aller Art reich dekoriertes Zimmer

Dr. Ruth Deutsch Lechuga war nicht nur eine Spezialistin für Masken aus allen mexikanischen Regionen, die an Lebendigkeit und Formenreichtum kaum zu übertreffen sind. Sie kaufte und sammelte auch Textilien aller Art, die aus Naturfasern hergestellt und mit mannigfaltigen Farben und Stickmotiven versehen sind. Auf den Märkten kleiner Dörfer erwarb sie Tonkrüge und Töpfe in verschiedensten Formen, manche von ihnen hatten bereits als Haushaltsgegenstände der Dorfbewohner gedient. Grob- oder feingeflochtene Körbe in allen Variationen zierten Wände und Regale. Sie sammelte naive, handgefertigte Krippenfiguren aus verschiedensten Materialien wie Holz, Ton oder gar Marzipan mit verwegener Farbgebung und mit kunstvollen Mustern und Motiven verziert. Ruth war stets an ausgefallenen Originalen interessiert. Die Masken oder Textilien mussten die Haut berührt, Schweiß, Tränen, Freude oder Leid des Trägers gekostet haben.

Sie hatte in ihrem privaten Museum ca. 1.200 Masken und mehr als 2.000 Textilien gesammelt. Wenn man die Zinnfiguren, die Körbe, Töpfe, Krüge, das Spielzeug, die filigranen Schnitzereien aus Knochen, die Mengen von kunstvollen Kämmen mit Tiermotiven, Lackarbeiten und religiösen Gegenstände zusammenzählte, kam man auf ca. 10.000 Ausstellungsstücke. Ruth Deutsch Lechuga verwahrte mehr als 20.000 Fotos und Negative. Sie sah sich als Hüterin des Nachlasses zahlreicher ethnischen Gruppen Mexikos, die heute noch über 50 verschiedene Sprachen sprechen.

Aus Österreich bezog Dr. Ruth Deutsch Lechuga eine geringfügige Rente. Ansonsten war sie auf Eintrittsgelder der Besucher ihrer "Schatzkammern" angewiesen. Sie war trotz ihrer 80 Jahre noch eine sehr aktive, rege und bewundernswerte Frau. Auch wenn sich mit den Jahren einige Altersgebrechen eingestellt hatten, so führte sie trotzdem ihre Arbeit weiter und hatte noch viele Pläne. Sie war Verfasserin mehrerer Bücher zur Geschichte Mexikos.

Trotz ihres Alters und ihrer zarten körperlichen Konstitution war Ruth, als ich sie kennenlernte, politisch für die Partei der demokratischen Revolution (PRD) aktiv. Aus Bewunderung und Dankbarkeit blieb sie dem linksgerichteten Sozialdemokraten und Parteiführer Cárdenas treu, dessen Vater als Präsident in den 1940er Jahren vielen Flüchtlingen, darunter auch ihrer Familie, Asyl gewährt hatte. Ruth Lechuga betonte immer wieder, dass sie selbst, ihre Familie und viele andere Exilanten ihr neues Leben dem damaligen Präsidenten von Mexiko, Lázaro Cárdenas, zu verdanken hatten.

Nachdem ich an einem Frühlingstag im Jahre 2000 den Nachmittag mit Ruth verbracht hatte, war der Abend einer Versammlung der Partei unter der Leitung des Parteivorsitzenden Cárdenas gewidmet. Als ich fragte, ob sie mit dem Taxi zur PRD-Veranstaltung fahre, antwortete sie mir, dass sie sich für kurze Strecken immer noch selbst an das Steuer ihres alten VW-Käfers setze. Das kam mir angesichts ihrer schlechten körperlichen Verfassung ein wenig riskant vor.

Mit der Ausgabe Nr. 42 über das Thema Volkskunst hatte die Kunstzeitschrift "Artes de Mexico" Dr. Ruth Deutsch Lechuga 1998 ein ganzes Heft gewidmet, worin es u.a. heißt:

"Wer könnte ... die tiefe Ergriffenheit, Bezauberung, die Passion, Erregt- und Entrücktheit ignorieren, die Hunderte von Masken an den Wänden der hohen Räume verursachen? Wer kann sich der Verzückung entziehen, die vielen Textilien zu bewundern, die Ruth Lechuga in ihren großen Schränken aufbewahrt, die Miniaturen und die Keramiken, die man in Vitrinen, die förmlich überquellen, bestaunen kann? Wer könnte je die Mannigfaltigkeit der Totenmasken vergessen, die aus Draht, Papier, Zucker oder Ton gefertigt im Schlafzimmer dominieren, dessen Wände in einem lebendigen, kräftigen, mexikanischen Rosarot gehalten sind?" (Übersetzung: Ingrid Decker)

Ruth selbst wird folgendermaßen zitiert:

"Ich habe die Dörfer und Gemeinden nicht deshalb besucht, um irgend etwas zu kaufen, sondern um zu erfahren, wie und weswegen diese Dinge hergestellt wurden. Es war mir immer wichtig, die Sprache der Künstler und Hersteller zu verstehen, an die Frauen heranzutreten, Kontakt mit ihnen zu haben. ... Auf einmal öffnet sich so ein weiter Blick auf die Objekte, die man zu sammeln wünscht. Meine Objekte haben immer eine Geschichte, und das ist das Geheimnis meiner Sammlung."

Ruth Deutsch Lechuga starb am 20. September 2004 im Alter von 84 Jahren in ihrer Wohnung. Noch im Juli hatte ich mit ihr telefoniert. Gerne hätte ich erneut ihre Sammlung gesehen, die nun über drei Wohnungen verteilt war. Ruths Stimme klang schwach, sie erkannte mich am Telefon nicht mehr, obwohl ich Deutsch mit ihr sprach. Heute tut es mir leid, dass ich sie nicht einfach mit einem Blumenstrauß unangemeldet besucht habe.Ich erinnere mich noch an ihre Worte, als sie mir ihr rosa Schlafzimmer zeigte, das über und über mit Totenmasken und Skeletten bestückt war: "Eines Tages, wenn ich tot in meinem Bett liege, werde ich selbst Teil dieser Sammlung sein."

Einen Teil ihrer Kollektion der mexikanischen Volkskunst hat Ruth Deutsch Lechuga dem Franz Mayer Museum in Mexiko überlassen. Die mehr als 20.000 Negative der Fotos, die Ruth seit 1948 aufgenommen hat, sind in ethnologischen Sammlungen in Mexiko, den USA und Italien zu finden.

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1 Engelbert Dollfuß war von 1931 bis 1933 als österreichischer Landwirtschaftsminister, gelangte 1932 auf demokratischem Weg ins Kanzleramt und regierte ab 4. März 1933 diktatorisch; er war der Begründer des austrofaschistischen Ständestaates.

2 Gemeindebau nennt man in Wien burgähnliche Wohnblocks, deren Bau mit kommunalen Mitteln gefördert wurde bzw. wird.

3 Insel im Hudson vor New York, die lange Zeit als Sitz der US-Einwanderungsbehörde diente.

Informationen zum Artikel:

Dr. med. Ruth Deutsch Lechuga aus Wien (19202004)

Verfasst von Ingrid Decker

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Erinnerungsbücher

Aus dem Buch:

Jüdisches Exil in Mexiko und der Dominikanischen Republik 1923-2010

Jüdisches Exil in Mexiko und der Dominikanischen Republik 1923-2010
Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Amerika, Mexiko, Mexiko City
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1980er Jahre, 1990er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Ingrid Decker: Jüdisches Exil in Mexiko und der Dominikanischen Republik, 1923-2010, erschienen im Hartung-Gorre Verlag, Konstanz 2010, S. 28-36.

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