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Maibräuche im Waldviertel

von Herta Herbst

1. Mai 1947

Ziemlich in der Mitte der kleinen Ortschaft Plessberg stand eine Kapelle und neben dieser war der Dorfbrunnen. Das war eigentlich der Hauptplatz des Ortes.

Am 1. Mai kam immer am späteren Nachmittag ein Pfarrer aus Kautzen und hielt in dieser Kapelle eine Maiandacht ab. Das war eine Auszeichnung für die Dorfbewohner, ansonsten musste man nach Kautzen in die Kirche gehen.

Wir wohnten in einem aufgelassenen Bauernhaus in Miete. Es war dort noch in allen Häusern üblich, dass das Herzerlhäuschen irgendwie an den Misthaufen angeschlossen war, so auch in unserem, obwohl es keinen Misthaufen mehr gab.

Die Burschenschaft war ja für allerhand Schabernack bekannt und sehr einfallsreich. Als die Mama am 1. Mai aufsteht und irgendwann bei der Haustüre hinausschaut, fehlt etwas, aber was? – Natürlich das Herzerlklosett. Wieso? Wohin ist es gekommen?

Später geht sie zum Brunnen, um Wasser zu holen. Da stehen schon einige Leute und zerkugeln sich über diesen Scherz – steht doch unser Häuschen genau vor der Kapellentüre.

Alle lachen über diesen Maischerz, auch Mama. Ich gehe dann auch nachschauen, und wir Kinder haben die größte Hetz. Jeder setzt sich hinein und tut so als ob.

Gegen Mittag kommt der Ortsbesorger zu uns und ersucht meine Mama, sie möge dafür sorgen, dass das Häuschen von dort wegkommt. Wie schaut das aus, wenn der Herr Pfarrer kommt?

Ich sehe meine Mama noch vor der Haustüre stehen. Lachend sagt sie der Obrigkeit: Vielleicht braucht der hochwürdige Herr ein Häuschen? Ich habe das Klo nicht weggetragen und ich kann es auch nicht allein wieder herbeischaffen. Das sei nicht ihre Aufgabe. Nach einigem Hin und Her zischt er endlich wieder ab.

Es dauert aber nicht lange, da öffnet jemand unser großes Haustor, und siehe da: Die Burschenschaft, die sich in der Nacht die Mühe gemacht hat, das Häuschen wegzutransportieren, bringt es wieder zurück. Auf zwei Schubkarren, nebeneinander aufgestellt, sind vier Burschen damit gefahren.

Natürlich hat das halbe Dorf zugesehen und sich köstlich unterhalten. Der Dorffriede war wieder eingekehrt und der Herr Pfarrer konnte kommen.

Wir beide hatten einen so tiefen Schlaf, dass wir von dem „Raub“ unseres Herzerlhäuschen wirklich nichts mitbekommen hatten.

1. Mai 1949

In den kleinen Dörfern gab es wenig Unterhaltung. Kein Gasthaus, kein Kino. Die Jugend hat sich am Abend zusammengesetzt und geplaudert und gesungen; manchmal konnte auch jemand Ziehharmonika spielen. Es wurden alte Bräuche gepflogen, und dazu gehörte auch das Maisteig-Machen.

In einem Kübel wurde Wasser mit Kalk verrührt, und mit diesem Gemisch wurde vom Haus eines Burschen zu dem eines Mädchens, das dieser gern sah, von seinen Kumpeln – natürlich im Geheimen – mit einem Besen der Maisteig gemacht.

Das war dann am Morgen für die Dorfbewohnter sichtbar, und man hat wieder Gesprächsstoff gehabt und hatte was zum Lachen. Der Kalk ist nicht leicht wegzubringen, da muss schon ein tüchtiger Regen her.

In unserem Dorf gab es einen Wagnermeister. Er war Junggeselle, bewohnte ein kleines Haus und hatte dort auch seine Werkstätte. Mama wusch für ihn die Wäsche und wir Kinder brachten ihm hin und wieder Heidelbeeren oder Schwammerln vom Wald. Dafür gab er uns ein paar Schilling, und wir konnten Zuckerln kaufen.

Die Burschenschaft war aber nicht feige, und kurz entschlossen wurde vom Herrn Wagnermeister zu meiner Mama (sie war ja alleinstehend) ein ganz dicker Maisteig gezogen. Und ihm setzten sie noch einen ganz großen Maibaum aufs Dach.

Wie immer bei solchen Streichen hat einer spioniert, was nun passierte. Der Herr Wagner war ein Frühaufsteher. Von seinem Fenster aus konnte er den Maisteig zwar sehen, wusste aber nicht, woher er kam, also musste er auf die Straße gehen, genauer, von seinem Haustor weg.

Ein Spaßvogel hätte darüber gelacht, nicht aber unser guter Meister. Als Erstes nahm er gleich einen Besen und begann zu kehren, das ging aber nicht so leicht.

Dann kam er wutschnaubend bei uns an und beschwerte sich über diesen Unfug. Mama und ich waren eben erst aufgestanden und wussten noch gar nichts von diesem Pech.

Meine Mutter war nicht so humorlos und lachte darüber, da ist er nur noch zorniger geworden. Aber was soll’s? Irgendwann hat er sich beruhigt und den Burschen sogar Wein ausgeteilt.

Informationen zum Artikel:

Maibräuche im Waldviertel

Verfasst von Herta Herbst

Auf MSG publiziert im Mai 2014

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Kautzen, Plessberg; Dobersberg
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist einem lebensgeschichtlichen Manuskript entnommen, das die Autorin 2005 abgefasst hat.

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