Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1391 Beiträge

Eine geheimnisvolle Truppe

von Helmut Krumhuber

Sieben uniformierte Männer sitzen oder liegen um ein Lagerfeuer im Wald. Im Hintergrund ein amerikanischer Jeep mit Anhänger

Das Bild zeigt eine Gruppe Uniformierter, die in einem winterlichen Wald um ein Lagerfeuer sitzen und liegen. Im Hintergrund ist ein US-Jeep deutlich sichtbar, abgelegte Sturmgepäcke und Gewehre sind hingegen weniger klar auszumachen.

Außenstehende können wohl nicht erkennen, daß es sich bei diesen Uniformträgern um Gendarmen handelt. Präzise gesagt, ist es eine Gruppe der 2. Unterabteilung (Kompanie) der Gendarmerieschule Tirol I. Das Foto wurde im März 1955 in der "Breiten Mure" in der Nähe von Imst aufgenommen. Ich bin einer der um das Lagerfeuer gruppierten jungen Gendarmerieschüler. Hier durften wir uns von den Strapazen einer anstrengenden Nachtübung einige Zeit ausruhen, ehe wir den Rückmarsch in die etwa fünfzehn Kilometer entfernte Kaserne Imst antraten.

Abgesehen von der konkreten Nachtübung, erinnert mich dieses Foto an meine gesamte (Ausbildungs-)Zeit bei der Gendarmerie, zu der ich am 6.12.1954, vom russisch besetzten Niederösterreich kommend, nach Tirol einberufen wurde. Dabei musste ich mich einer überaus fordernden Ausbildung unterwerfen. Nach der dreimonatigen Grundschulung, welche ich in Innsbruck absolvierte, wurde ich nach Imst versetzt. Die dort stationierte 2. Unterabteilung wurde allgemein auch "Mondscheinkompanie" genannt, wobei diese innerhalb der Gendarmerieschulen berühmt-berüchtigt war. Sie hatte diese Bezeichnung den zahlreichen Übungen und Ausbildungsabläufen während der Nachtstunden zu verdanken.

Die Ausbildung umfasste im Wesentlichen: Handhabung verschiedener, vorwiegend amerikanischer Waffen, Nahkampfübungen, verstärkte Körperausbildung, Wachdienst, Kartenkunde, Alpinausbildung, Exerzieren und Gewaltmärsche. Normalen Gendarmerie-Unterricht gab es nur selten.

Bald wurde meinen Kameraden und mir eindeutig klar, dass unsere Ausbildung, von wenigen Ausnahmen abgesehen, wohl eindeutig militärisch ausgerichtet war und völlig anders ablief, als wir uns den Gendarmeriedienst ursprünglich vorgestellt hatten.

Tatsächlich waren wir so genannte B-Gendarmen – in Wirklichkeit Berufssoldaten. Wobei der Ausdruck "B-Gendarmerie" offiziell gar nicht existierte, zumindest nicht auf unserer Ebene. Im Übrigen gibt es bis heute keine verlässliche Erklärung dieser Bezeichnung. Bedeutet sie B(ereitschafts-), B(esondere-) oder einfach B-Gendarmerie im Gegensatz zur A(llgemeinen-) Gendarmerie, die jedoch nie so angesprochen wurde?

Irgendwie waren wir eine geheimnisvolle Truppe, weil - in der Besatzungszeit entstanden - vieles wegen der damaligen Verhältnisse im Geheimen und getarnt ablief.

Wofür wir ausgebildet wurden beziehungsweise wo wir eventuell zum Einsatz kommen würden, wurde uns nicht preisgegeben. Allein, wir machten uns diesbezüglich auch kaum Gedanken. Wir waren jung (überwiegend 13 bis 20 Jahre alt) und die sehr harte Ausbildung, gerade bei der Mondscheinkompanie, samt der damit verbundenen körperlichen Anstrengungen, vermittelten uns einen ausgeprägten Gemeinschaftsgeist und schweißte uns kameradschaftlich fest zusammen. Dazu trug auch die relativ geringe Freizeit bei.

Jedenfalls erinnere ich mich - nicht zuletzt durch dieses Bild - auch heute noch gerne, trotz aller damit verbundenen Härten, an die Zeit bei der B-Gendarmerie zurück. Sie war schließlich auch mein Sprungbrett für meine spätere Karriere beim österreichischen Bundesheer.

Informationen zum Artikel:

Eine geheimnisvolle Truppe

Verfasst von Helmut Krumhuber

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Lebensgeschichtliche Fotorevue, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tirol, Oberland/Außerfern, Imst, Breite Mure
  • Zeit: 1950er Jahre

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.